Bildungsdialog - Gendergerechtigkeit in der Bildung - Judith Schwentner

Das Bildungssystem ist entscheidend für die Chancen, die Mädchen und Frauen in der Berufswelt vorfinden. Obwohl Frauen bei den Bildungsabschlüssen sehr erfolgreich sind, gibt es im Bildungsbereich und folglich auch am Arbeitsmarkt immer noch klassische Frauen- und Männerdomänen. Das in der Schule oft nur unzureichend geweckte Interesse an den technisch-naturwissenschaftlichen Gegenständen führt dazu, dass nur sehr wenige Mädchen eine Berufsausbildung in diesem Bereich wählen. Unter den zehn beliebtesten Lehrberufen der Mädchen fand sich 2009 kein Beruf im technischen Bereich oder in der Produktion. Bei den technischen Studien liegt der Frauenanteil immer noch unter 20 Prozent (Quelle: Frauenbericht 2010).

Eine Schlussfolgerung aus dem aktuellen Bericht der Bundesregierung betreffend den Abbau von Benachteiligungen von Frauen (Berichtszeitraum 2009 – 2010) ist daher, dass eine geschlechtersensible Bildungsstrategie im Rahmen der ausstehenden Schulreform mitgedacht werden sollte. Es braucht mehr Maßnahmen im Bildungsbereich, damit es zu einer Gleichstellung von Frauen am Arbeitsmarkt kommen kann.

Das Bildungssystem fördert Geschlechterstereotypen

Burschen haben häufig Probleme beim Lesen und Mädchen können in Mathematik und den Naturwissenschaften weniger gut Schritt halten. Dass das nicht so sein müsste, zeigt eine internationale Vergleichsstudie für VolksschülerInnen (TIMSS 2007). In anderen Ländern gibt es in Mathematik zwischen Mädchen und Burschen keine signifikanten Erfolgsunterschiede. In Österreich dagegen werden geschlechts-spezifische Unterschiede durch das Bildungssystem verstärkt. Schon bei TIMMS 1995 stellte sich heraus, dass Mädchen mit fortschreitendem Schulbesuch in Naturwissenschaften weiter zurückfallen.

Auch PISA 2009 bestätigt dieses Bild: 25 Prozent der Burschen und 13 Prozent der Mädchen unter den 15-/16-jährigen SchülerInnen gelten im OECD-Schnitt als besonders schwache LeserInnen. In Österreich trifft das auf 35 Prozent der Burschen und 20 Prozent der Mädchen zu. Hierzulande gibt es also deutlich mehr Mädchen und Burschen, die sich beim Lesen schwer tun. In Mathematik zählen im OECD-Schnitt 23 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Burschen zur Risikogruppe. In Österreich trifft dies auf 25 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Burschen zu. In einigen Ländern, wie zB Slowenien, der Tschechischen und der Slowakischen Republik gibt es keine geschlechterspezifischen Unterschiede und in Litauen schneiden Mädchen beim Rechnen sogar besser ab als die Burschen. (Bifie: PISA 2009: Erste Ergebnisse)

Der getrennte Unterricht (für einen bestimmten Zeitraum oder in bestimmten Fächern) ist ein Ansatz für ein geschlechtergerechteres Schulsystem. Die Unterrichtsinhalte müssen so aufbereitet werden, dass sie die unterschiedlichen Erfahrungswelten von Mädchen und Burschen gleichermaßen ansprechen.

Entscheidung zwischen Textilem und Technischem Werken kontraproduktiv

In der fünften Schulstufe ist es in den meisten Schulen vorgesehen, dass sich Mädchen und Burschen entweder für Textiles oder Technisches Werken entscheiden. In den AHS wählen mehr Mädchen Technisches Werken (17,4 Prozent) als an Hauptschulen (6,7 Prozent).  Es kommt vor, dass Mädchen in Schulen, mit einem niedrigen Mädchenanteil, dazu überredet oder sogar eingeteilt werden Textiles Werken zu wählen, damit die Gruppe groß genug ist, um zustande zu kommen. Dabei möchten die meisten Mädchen am liebsten beiden Fächer. Mädchen und Burschen sollten daher sowohl Technisches als auch Textiles Werken haben, wie das auch im Positionspapier „Technischer Werkunterricht an österreichischen Schulen“ vom Projekt MUT-Mädchen und Technik gefordert wird.

Gender-Kompetenz in der Aus- und Weiterbildung der PädagogInnen fehlt

 Eine Evaluierung der Ziel- und Leistungspläne 2008/09 und 2010/11 zeigt, dass nur vier der acht staatlichen Pädagogischen Hochschulen Gender Mainstreaming als Querschnittsmaterie erkannt haben. An keinem Standort findet eine Umsetzung einer geschlechtersensiblen Sichtweise in allen Programmen im Bereich Aus- und Fortbildung, Forschung und Entwicklung statt. Auch an den meisten Universitäten ist Gender Kompetenz nur dürftig in den Lehrplänen verankert. Letztendlich bleibt es dem Nationalen Bildungsbericht von Bifie und BMUKK zu folge also dem Interesse und Engagement der Lehramtsstudierenden überlassen, ob sie sich mit Konzepten für einen geschlechtssensiblen Unterricht beschäftigen wollen oder nicht. Insbesondere im Bereich der Ausbildung der VolksschulpädagogInnen kommt geschlechtersensible Berufsorientierung so gut wie überhaupt nie vor. Wichtig wäre, dass Gender-Kompetenz in der Aus- oder Fortbildung von PädagogInnen für alle Schultypen implementiert wird, damit geschlechtssensibler Unterricht Realität werden kann. Der Rechnungshof empfahl dem Unterrichtsministerium im Juni 2009 auch die geschlechtersensible Berufsorientierung zu verstärken und geschlechtsspezifische Muster in der Berufswahl der SchülerInnen aufzuweichen. Dementsprechend sollten  LehrerInnen, die Berufsorientierung unterrichten, an den Pädagogischen Akademien entsprechend aus- und fortgebildet werden.

Forderungen für eine geschlechtergerechte Bildungsreform:

  • Geschlechtersensible Bildungsstrategie muss Teil der Schulreform sein
  • Geschlechtshomogener Unterricht für eine bestimmte Zeitspanne
  • Technisches und Textiles Werken für Mädchen und Burschen
  • Verpflichtende Verankerung gendersensiblen Didaktik und Pädagogik in den Aus- und Weitebildungscurricula aller Ausbildungsstätten für PädagogInnen
  • Gendergerechte Darstellung der Inhalte in Schulbüchern

 

Judith Schwentner ist Frauensprecherin und Nationalratsabgeordnete der Grünen.
Der Text ist Teil der Unterlagen zum Pressegespräch mit Judith Schwentner und Heidi Schrodt vom 13. Oktober 2011.

 
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