Bildungsdialog - "Kinder erreichen, stärken, fördern" Die pädagogische Beziehung aus Sicht der Hirnforschung - Vortrag von Prof. Bauer

Auf Einladung der Grünen Bildungswerkstatt, der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems und der Pädagogischen Hochschule Wien sprach der renommierte Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut, Prof. Joachim Bauer, über die neusten Erkenntnisse zur pädagogischen Beziehung aus Sicht der Hirnforschung. Über 180 Interessierte zog der Experte am 5. Oktober im Curhaus am Wiener Stephansplatz mit seinem mitreißenden Vortrag in den Bann.
Zum Bersten voll war der Stephanisaal, als Michael Wagner, Rektor der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule, das zahlreich erschienene Publikum herzlich begrüßte und gleich das Wort an Andreas Novy, Obmann der Grünen Bildungswerkstatt Wien übergab.
Novy machte in seinem kurzen Statement Appetit auf den Vortrag: „Die letzten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Hirnforschung haben dazu beigetragen, die pädagogischen Konzepte unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Sie sollen Mut machen, damit sich in der Bildung etwas ändert.“
Motivationssystem aktivieren.
„Motivation gibt es immer nur in Zusammenhang mit Beziehung“, startet Prof. Bauer in den Vortrag. Die Neurowissenschaft bestätigt, für Jugendliche sei es besonders wichtig, soziale Akzeptanz und Bedeutung zu erfahren, sowohl in der Schule als auch daheim von den Eltern. Dies könne aber keinesfalls durch ein Überhäufen mit Konsumgütern erreicht werden, wie es heute oft der Fall ist, kritisiert Bauer vorweg. Erst die persönliche Zuwendung zwischen Eltern und Kindern oder Lehrkräften und SchülerInnen, entfalte den fürs Motivationssystem wichtigen Botenstoff-Cocktail aus Dopamin (Energie und Leistungsbereitschaft), Opioiden (Wohlgefühl) und Oxytocin (Kooperation, Vertrauen). Bereits ein freundlicher Blickkontakt reiche laut Bauer aus, um eine vertrauensförderliche neuronale Aktivierung zu bewirken.
Mehr Bewegung und Musik an den Schulen.
Bewegung setzt neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge Dopamin frei. Laut Bauer spürten gerade Kinder intuitiv, dass ihnen Bewegung gut tut. Daher sei es besonders wichtig, Sport aber auch den Musikunterricht an Schulen zu fördern, anstatt diese Fächer zu reduzieren. Hier sieht der Bauer große Chance der Ganztagsschulen, „Museräume“ zu schaffen und zugleich die Beziehung zwischen Lehrenden und SchülerInnen zu stärken.
Spiegelneurone.
„Im Kern von Beziehung stehen immer Resonanz und Spiegelung“, erklärt Bauer. Unsere neuronalen Nervenzellen, auch Spiegelneurone genannt, seien allein schon durch Zusehen oder Zuhören, grundsätzlich durch jede sinnliche Wahrnehmung, aktiv.
Fürs Klassenzimmer bedeute das insbesondere, dass Lehrende durch die Art und Weise, wie sie den Unterricht gestalten, entweder aktivieren oder ermüden können. „Ein engagierter, motivierter LehrerInnen, der den Stoff spannend und mit Begeisterung zu vermitteln versteht, kann sich darauf verlassen, dass er mit seiner Begeisterung die SchülerInnen anstecken wird“, weiß Bauer. „Ein/e gähnende/r LehrerIn hingegen wird auch ihre/seine SchülerInnen schnell zum Gähnen bringen.“ Denn auch Körpersprache werde gespiegelt und wirke ansteckend. Ebenso ließen sich auch Schmerz, Ekel und andere Affekte übertragen.
Schmerz und soziale Ausgrenzung verursachen Aggression.
„Erleiden Kinder und Jugendliche Schmerz und erfahren sie soziale Ausgrenzung oder Demütigung, aktiviert dies die Stresssysteme im Gehirn“, fasst Bauer den Stand der Forschung zusammen. „Angst, Depression und vor allem Aggression sind die Folgen.“
Spannend in diesem Zusammenhang ist laut Bauer die Entdeckung der Hirnforscherin Naomi Eisenberger: „Wenn man einen Menschen sozial ausgrenzt, wird dasselbe Zentrum im Gehirn aktiv, in dem sich auch körperlicher Schmerz zeigt.“ Schmerz, egal ob seelischer oder körperlicher, verursacht immer Aggression. Bei Burschen sei sie primär nach außen, bei Mädchen oft nach innen gerichtet.
Damit es gar nicht erst so weit kommt betont Bauer, wie wichtig es sei, SchülerInnen persönliche Wertschätzung entgegen zu bringen. Gerade bei Leistungsabfall oder Fehlverhalten sollten die LehrerInnen das persönliche Gespräch suchen, anstatt SchülerInnen auszulachen oder vor der Klasse bloßzustellen, was zu Demotivation und Aggression führe. Auch müssten SchülerInnen spüren, dass man ihnen etwas zutraue und sie ernst nehme.
„Moderne“ und klassische Suchtdrogen.
Hält seelischer Schmerz zu lange an, drohe laut Bauer ein Abgleiten in Suchtdrogen, wie Alkohol, Nikotin oder Kokain. Aktuell kämpfe man aber vor allem mit der Computer- und Internetsucht vieler Jugendlicher. „Studien haben gezeigt, dass bereits 10 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland internetsüchtig sind“, alarmiert Bauer. Dieses Faktum sei ein Ausdruck für mangelnde reale Beziehungen. Die Jugendlichen flüchteten sich in Internetbeziehungen und Facebook-Freundschaften, denn nur noch dort bekämen sie das Gefühl, wahrgenommen zu werden und eine Rolle zu spielen.
Schlussfolgerungen für die Pädagogik
Abschließend lassen sich laut Bauer für die Pädagogik folgende Schlussfolgerungen ableiten:
- Kinder und Jugendliche wollen wahrgenommen, nicht verwöhnt werden
- Sie sind bereit, für Anerkennung viel zu tun
- Keine Motivation ohne Beziehung
- Lehrkräfte und Eltern sollen sich gemeinsam und praktisch um die Beziehung zu ihren Schützlingen bemühen.
Fazit der Veranstaltung war, dass es sowohl an Schulen als auch im familiären Bereich eine Stärkung der Beziehung zu Kindern und Jugendlichen braucht. Diese können wir nur durch individuelle Zuwendung bieten.
Die Autorin Karina Böhm hat Sozial- und Wirtschaftswissenschaften studiert und ist Mitglied des GBW Wien Redaktionsteams.
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