Kontrovers - Ideal und Wirklichkeit - Alternative Lernkonzepte könnten als Vorbild für Regelschulen dienen

- ©William E. Fretwell, Quelle: W.E. Fretwell Collection
Eine Schule am Waldhang mit Sportplatz, einem Abenteuer-Spielplatz und dazu einem weitgefächerter Kräutergarten. Schulklassen mit im Schnitt zwölf Kindern, keine Schulnoten, keine Hausaufgaben. Pädagogische Ganztagsbegleitung, zwei Fremdsprachen ab dem ersten Schuljahr, viel Projektarbeit, viel Bewegung und handwerklicher Unterricht. Waldorf-Schulen scheinen den Traum vom guten Lernen wahr machen zu können. Sie sind nicht die einzigen alternativen Schulen in Österreich:
Derzeit gibt es 95 Initiativen mit rund 5.000 Kindern. 45 Initiativen mit circa 1.400 Kindern gehören zum Netzwerk Freie Schulen, 15 Initiativen mit rund 2.500 Kindern sind im Waldorfverband.
Ihr gemeinsames Merkmal ist, dass Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen als gleichwertige PartnerInnen die Schule gemeinsam gestalten. Die meisten Schulinitiativen in Österreich haben ganztägige Angebote. Schulnoten im klassischen Sinn gibt es nicht. Nicht übersehen darf man, dass an den alternativen Schulen ein sehr günstiger LehrerInnen/SchülerInnenschlüssel existiert, was eine sehr individuelle Betreuung ermöglicht. Dabei wird die Finanzierung zu einem nicht unerheblichen Teil privat getragen. An der Rudolf-Steiner-Schule in Salzburg beispielsweise beträgt das nach sozialer Lage gestaffelte Schulgeld im Durchschnitt 370 Euro pro Monat.
Empathie und Fairness
Was ihre Arbeit auszeichnet, schildert Momo Kreutz, Pädagogin und Obfrau des Wiener Dachverbands der Alternativschulen: „Die Lehrpersonen haben die Aufgabe, zu beobachten und zu begleiten, vorzubereiten und anhand der Interessen und Neigungen der Kinder gemeinsam mit ihnen den Unterricht zu gestalten. Dies kann in Freiarbeit, vortragend, in Projekten oder fächerübergreifendem Unterricht geschehen.
Die Kinder haben auch die Möglichkeit selbst zu entscheiden, was sie wann machen wollen. Dies kann auch bedeuten, dass ein Kind in einem Bereich sehr intensiv arbeitet, aber etwas anderes auslässt – dann gilt es für die Lehrenden zu beobachten, woran das liegt und welche Unterstützung das Kind braucht, um auch andere notwendige Bereiche zu bearbeiten.“
Solidarität, Aufrichtigkeit, Empathie und Fairness – die Werte, auf denen alternative Schulkonzepte aufbauen, klingen überzeugend, fast ideal. Doch gerade die so sorgsam behütete Idylle diskreditiert alternative Schulen in den Augen vieler als Modell. Taugt dieses Konzept auch für den öffentlichen Raum, für die Pflicht- und Regelschulen? Haben alternative Schulen nicht von vornherein ideale Voraussetzungen, zum Beispiel weil sie von besonders engagierten, bildungsbeflissen und finanziell abgesicherten Eltern getragen werden? Müssen alternative Schulkonzepte nicht dort scheitern, wo dieser Hintergrund fehlt? Und werden bildungsferne Schichten hier nicht prinzipiell ausgegrenzt?
Die Rütli-Schule
Ein Blick auf die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln beantwortet viele dieser Fragen. Vor vier Jahren war die Rütli-Schule eine Skandalschule. Sie galt als Symbol des Scheiterns von Integration.
Am 28. Februar 2006 schrieb die damalige Leiterin der Rütli-Hauptschule einen Brandbrief an das Berliner Schulamt: „In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten, Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen. Einige Kollegen gehen nur mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können. ... Wir sind ratlos.“
Über 80 Prozent der Rütli-SchülerInnen waren und sind türkischer oder arabischer Herkunft, und die Proteste der Lehrer wurden damals von den Boulevardmedien
benutzt, um Ressentiments gegen islamische MitbürgerInnen zu schüren. Doch nicht die SchülerInnen mit islamischem Hintergrund sind die größten BildungsverliererInnen in Deutschland, sondern die SchülerInnen, die aus Italien stammen. 8,6 Prozent aller italienischen Kinder besuchen eine Sonderschule, unter den TürkInnen sind es 6,6 Prozent.
48,3 Prozent aller Schulkinder italienischer Abstammung besuchen die Hauptschule, unter den TürkInnen sind es 44,7 Prozent. Zum Vergleich: 4,4 Prozent der deutschen Kinder besuchen eine Sonderschule, 17,7 Prozent die Hauptschule und 42,6 Prozent ein Gymnasium.
Ähnlich schlecht wie die türkischen und italienischen schneiden die griechischen Schulkinder und jene aus Ex-Jugoslawien ab. Nicht Religion, Kultur oder gar irgendwelche Gene – wie das Buch von Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, in manchen Passagen nahe legt, – behindern den Lernerfolg der Problemgruppen. Schuld an der Misere ist offensichtlich ein Bildungssystem, das Kinder aus fremden Kulturen und/oder bildungsfernen Schichten ausgrenzt und im Stich lässt.
Die wundersame Wandlung
Ab Mitte 2006 tat sich Erstaunliches in und um die Rütli-Schule, so dass man nicht ohne Grund von einer Art „Bildungswunder“ sprechen könnte. Kinder, die früher als hoffnungslose Fälle galten, kamen freiwillig zum Nachmittagsunterricht. Sie wollten sogar in den Ferien weiter lernen. Ahmad Al-Sadi, ein palästinensischer Ex-Bauunternehmer, engagierte sich nach dem Eklat im Jahre 2006 für die Rütli-Schule. Er organisierte Abende, an denen Eltern und LehrerInnen gemeinsam kochten und musizierten. Das beiderseitige Unverständnis, die Isolation begann sich aufzulösen. Al-Sadi lud LehramtsstudentInnen in die Schule ein, organisierte mit ihnen eine Nachmittagsbetreuung. Mit den Kindern ging er auf Konzerte. SchülerInnen, die früher als hoffnungslose Fälle galten, kamen freiwillig zum Nachmittagsunterricht. Es gab viele Kinder, die sogar in den Ferien weiter lernen wollten, Eltern, die in dieser Zeit in der Schule für die Kinder Mittagessen kochten.
Der neue Campus
Im Sommer 2007 wurden Pläne für eine neue Rütli-Schule aus der Taufe gehoben, ein Campus sollte entstehen. Heute ist er Realität. Es gibt einen großen Park mit Bäumen, Spiel- und Fußballplätzen, in der Mitte helle, schöne Schulgebäude und Häuser mit Berufswerkstätten, Kindergärten, außerdem eine Musikschule, ein Schulcafé. 1.400 SchülerInnen werden hier pädagogisch begleitet. Von sechs Uhr früh bis 23 Uhr können sie die Angebote nutzen. Die Rütli-Klassen haben durchschnittlich 25 SchülerInnen, in den Kernfächern sind zwei LehrerInnen zugleich im Einsatz. 82 Prozent der SchülerInnen haben zuletzt den mittleren Schulabschluss bestanden. Zu Zeiten der alten Rütli-Schule waren 29 Prozent der ZehntklässlerInnen fit für das Gymnasium. Im Jahr 2009 waren es bereits 51 Prozent.
Die Parallelen zum Konzept der Waldorfschulen und zu alternativen Schulkonzepten überhaupt sind unübersehbar: Einbindung der Eltern, Abbau der Anonymität und Fremdheit, freundliche Schulumgebung, Ganztagesbegleitung, ein günstiger SchülerInnen/LehrerInnen-Schlüssel. Der Rütli-Campus zeigt, dass alternative Schulkonzepte in den Regelschulen und auch mit bildungsfernen Schichten realisierbar sind. Mehr noch: dass sie gerade dort dringend benötigt werden
Autor: Herbert Springer
Kontrovers - Bildung - Inhaltsverzeichnis
Elementarpädagogik
Neugier wecken, Orientierung geben
Was einen guten Kindergarten ausmacht
Die Umgebung angstfrei erkunden
Maria Fürstaller über Herausforderungen der Frühpädagogik
"Wir brauchen eine Qualitätsoffensive"
Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik
Schule und Ausbildung
Hartnäckig für Chancengleichheit
In Österreich muss ein Kind mit neun Jahren seinen Lebensweg wählen - das ist zu früh
Ideal und Wirklichkeit
Alternative Lernkonzepte könnten als Vorbilder für Regelschulen dienen
Bildung unter Druck
Kommentar von Ingolf Erler und Kathrin Niedermoser
"Das Image der Lehre muss verbessert werden"
Sabine Jungwirth über nötige Unterstützungsmaßnahmen für jungendliche Auszubildende
Abgeschoben und ausgeschlossen
SchulabbrecherInnen in Österreich
"Bildungschancen zu vererben ist inakzeptabel"
Harald Walser über Bildungsgerechtigkeit
Die Freiheit zu lernen
Mit einem Freiluft-Klassenzimmer werben die Grünen in Niederösterreich für ein neues Schulmodell
Bildungsstandards
Fließband oder Eigensinn?
Die Einführung allgemeiner Bildungsstandards wird die Schule stark verändern
Hochschulen
Immer noch ein Hürdenlauf
Ob ein Kind studieren wird, hängt in Österreich wesentlich von der sozialen Herkunft ab.



