Kontrovers - Bildung unter Druck - Kommentar von Kathrin Niedermoser und Ingolf Erler

- ©Marcellí Perelló
Noch sind die Universitäten nicht privatisiert, Kindergärten gehen nicht an die Börse und Schulen werden nicht ausgelagert. Doch der Rückzug des Staates aus dem Bildungsbereich hat lange schon begonnen, und er geschieht eher schleichend. Der Einfluss privater Investoren in öffentlichen Bildungseinrichtungen hat in den letzten Jahren zugenommen und der Markt privater Bildungsangebote wächst beständig. Die Kosten dafür werden immer mehr auf die Lernenden abgewälzt, die zunehmend als neue Rohstoffe der Wissensgesellschaft fungieren.
Egal ob es sich um Kindergärten, Schulen, Universitäten oder öffentliche Einrichtungen der Erwachsenenbildung handelt: Die Unterfinanzierung ist chronisch. Es wird gespart, „verschlankt“, Personal abgebaut und die Infrastruktur vernachlässigt. Ganze Forschungsbereiche versuchen, Geld über private Investoren und Sponsoren aufzutreiben. Die Gefahr dieser Entwicklung bringt die amerikanische Publizistin Naomi Klein in ihrem Buch No Logo auf den Punkt: „Wenn Fastfood-Ketten, Sportartikelhersteller und Computerkonzerne einspringen, um Finanzlücken zu schließen, bringen sie ihr eigenes Bildungsprogramm mit.“
Ein Blick in die Hörsäle und Klassen-zimmer zeigt, dass dies längst Praxis geworden ist. An der Universität Linz tragen Hörsäle die Namen Raiffeisen, Borealis, Sie-
mens oder Voest-alpine. Die Universität Wien veranstaltete im Sommersemester 2008 eine Ringvorlesung der Erste Group. Konzerne beliefern Schulen mit kostenlosen Medienpaketen, um den Unterricht „praxisnäher“ zu gestalten. So bietet Siemens Themenpakete wie „Energie der Zukunft“ an. Die Homepage der Siegfried-Marcus-Berufsschule sieht aus wie das Dress eines Formel 1-Rennfahrers, mit Logos von Shell, BMW oder Hyundai.
Privatisierung der Kosten, Wettbewerb der Zertifikate
Daneben wächst der Markt an profit-orientierten Bildungseinrichtungen. Für mehr oder weniger große Geldsummen, kreditfinanzierte Varianten inklusive, können Schulabschlüsse, Post-Graduate Lehrgänge, Nachhilfestunden, frühkindlicher Förderunterricht und „Soft-Skills“ erworben werden. Bereits die Kleinsten sollen in den lebenslangen Wettbewerb um die wertvollsten und höchsten Bildungszertifikate treten. Sprach- und Computerkurse sind im Angebot oder umfassende Unterrichtsprogramme für Kindergartenkinder. Vormals öffentliche Angebote werden privatisiert und von Lernenden besucht, die bereit sind, für bessere Lebens- und Arbeitschancen hohe Kosten zu tragen.
Die ständige Verschlechterung öffentlicher Bildungsangebote heizt diese Entwicklung zusätzlich an. Seit Jahrzehnten wird die Öffnung der Gymnasien zu
einer gemeinsamen Ganztagesschule der Zehn- bis Vierzehn-Jährigen verschleppt. Zurückgeblieben ist nun ein Schulsystem, das längst nicht mehr auf die Bedürfnisse von Schüler-Innen eingehen kann. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder in Privatschulen oder finanzieren Nachhilfeunterricht. Aus Angst vor dem sozialen Abstieg nehmen sie ihre Kinder aus dem öffentlichen System und tragen so dazu bei, dass sich die Probleme dort noch verschärfen. Ähnlich ist die Lage an den Universitäten, wo die finanzielle Hungerkur zu überfüllten Hörsälen und schlechter Betreuung der Studierenden geführt hat.
Der Weg zu einem privatisierten Bildungsmarkt ist schon längst beschritten. Soziale Ungleichheiten werden dabei nicht nur ignoriert, sondern zementiert. Zunehmend spaltet sich das Bildungssystem in einen exklusiven Bereich für Eliten und einen Rest für die breite Masse. Dieser Prozess darf nicht losgelöst von anderen gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet werden. Das Pochen auf Eigenverantwortung und „private Beiträge“ bei Bildung und Ausbildung steht in engem Zusammenhang mit einem generellen Rückzug des Staates aus der Daseinsvorsorge und mit der zunehmenden Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse.
Wurde Bildung einst als Instrument der Selbstermächtigung und Emanzipation oder zumindest als Instrument des sozialen Aufstiegs betrachtet, ist sie heute zum Druckmittel geworden, das die Menschen diszipliniert und veränderte Lebens- und Arbeitsbedingungen als Ergebnis einer selbstverschuldeten Unzulänglichkeit darstellt.
Kathrin Niedermoser ist Politikwissenschafterin in Wien und arbeitet zu den Themen Gewerkschaften, Nachhaltigkeit und Bildung.
Ingolf Erler ist Bildungssoziologe in Wien und arbeitet zu sozialer Ungleichheit und Bildung.
Kontrovers - Bildung - Inhaltsverzeichnis
Elementarpädagogik
Neugier wecken, Orientierung geben
Was einen guten Kindergarten ausmacht
Die Umgebung angstfrei erkunden
Maria Fürstaller über Herausforderungen der Frühpädagogik
"Wir brauchen eine Qualitätsoffensive"
Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik
Schule und Ausbildung
Hartnäckig für Chancengleichheit
In Österreich muss ein Kind mit neun Jahren seinen Lebensweg wählen - das ist zu früh
Ideal und Wirklichkeit
Alternative Lernkonzepte könnten als Vorbilder für Regelschulen dienen
Bildung unter Druck
Kommentar von Ingolf Erler und Kathrin Niedermoser
"Das Image der Lehre muss verbessert werden"
Sabine Jungwirth über nötige Unterstützungsmaßnahmen für jungendliche Auszubildende
Abgeschoben und ausgeschlossen
SchulabbrecherInnen in Österreich
"Bildungschancen zu vererben ist inakzeptabel"
Harald Walser über Bildungsgerechtigkeit
Die Freiheit zu lernen
Mit einem Freiluft-Klassenzimmer werben die Grünen in Niederösterreich für ein neues Schulmodell
Bildungsstandards
Fließband oder Eigensinn?
Die Einführung allgemeiner Bildungsstandards wird die Schule stark verändern
Hochschulen
Immer noch ein Hürdenlauf
Ob ein Kind studieren wird, hängt in Österreich wesentlich von der sozialen Herkunft ab.



