Kontrovers - "Fließband oder Eigensinn?" - Die Einführung allgemeiner Bildungsstandards wird die Schulen stark verändern

Quelle: George Grantham Bain Collection, U.S. Library of Congress
Quelle: George Grantham Bain Collection, U.S. Library of Congress

Amina Abl, Gymnasialschülerin in Dornbirn, hat sie schon getestet, die neue Matura.  Und wie war´s?  „Ich muss sagen, dass ich die Zentralmatura gar nicht schwer gefunden habe und die Vorbereitung dafür auch nicht.“ Vorarlbergs Schulen sind Pilotschulen für das österreichische Projekt Zentralmatura. Schon in vielen anderen EU-Staaten umgesetzt (siehe Grafik), wird es auch in Österreich ab dem Schuljahr 2014/15 teilzentrale Abschlussprüfungen geben (siehe Factbox). Die Umstellung auf die teilzentrale Matura ist aber nur ein Aspekt der neuen ergebnis- und leistungsorientierten Schulorganisationsform, die gerade unter dem Stichwort Bildungsstandardisierung an Österreichs Schulen implementiert wird (siehe Factbox). Damit verbunden ist die Hoffnung auf echte Mess- und Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse sowie auf Weiterentwicklung der Schulen durch regelmäßige Leistungstests, deren Daten
an die Schule rückgemeldet werden.

Standards als Schulverwaltungsstrategie

Seinen Siegeszug hat das Bildungsstandard-Modell den PISA-Tests zu verdanken. Die Idee, das Bildungssystem auf mehr vergleichbaren Output hin zu orientieren, kristallisierte sich aber schon in den wirtschaftlichen Abschwungphasen der 1980er Jahren heraus. Vor allem neoliberale Regierungen forderten damals mehr Leistung und wirtschaftliche Rentabilität erbringen solle. Die zunächst nur in Fachkreisen geführte Diskussion um eine verbesserte Zielerreichung im öffentlichen Sektor bekam in den 1990er Jahren unter dem Stichwort New Public Management (NPM) immer größere Bedeutung als Zielvorgabe öffentlicher Verwaltung. Zu den Kernelementen des NPM im Bildungsbereich gehört, dass Schulen ihre Leistungen transparent machen, mehr Verantwortung für ihre Bildungsergebnisse übernehmen und sich als Dienstleistungsunternehmen für SchülerInnen, Eltern und andere Interessensgruppen verstehen. Aus Sicht der Bildungsökonomie ist Effizienz im Bildungssystem nur möglich, wenn es detaillierte vergleichbare Daten zum Lernstand der SchülerInnen gibt, die mit zuvor definierten Leistungsstandards verglichen werden können. 

Kompetenzen messen und vergleichen

Bildungsstandards legen jene Kompetenzen fest, die die SchülerInnen bis zum Ende der vierten Schulstufe in Deutsch und Mathematik sowie bis zum Ende der achten Schulstufe in Deutsch, Mathematik und Englisch erworben haben sollen. Für die Formulierung dieser Kompetenzen zeichnet in Österreich das BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des Österreichischen Schulwesens) verantwortlich. Bis jetzt ist allerdings noch nicht ganz klar, welche Aspekte das Kompetenzinventar hierzulande umfassen muss: Sollen es nur kognitive Fähigkeiten sein, wie Fachwissen, Problemlösen und Verstehen? Oder sollte man auch soziale Kompetenzen, Kreativität und Kommunikationsfähigkeiten berücksichtigen, um junge Menschen aufs Leben vorzubereiten? Dass der Kompetenzbegriff jedenfalls nicht wertfrei ist, daran haben jüngst vor allem namhafte BildungsexpertInnen aus dem Umfeld der deutschen Gesellschaft für Bildung und Wissen erinnert: Sollen junge Menschen möglichst rasch dazu befähigt werden, sich an eine wirtschaftspolitisch und technologisch globalisierten Markt anzupassen? Oder soll Bildung nicht auch zu produktivem Widerstand anregen?

Lernen fürs Leben oder für den Test?

Für die Schulverwaltung bedeuten Bildungsstandards eine grundlegende Umstellung der bisher üblichen Formen der Steuerung. An die Stelle der traditionellen Prozesskontrolle mit Lehrplänen und Schulaufsicht treten nun zentrale Tests, Vergleichsuntersuchungen, standardisierte Inspektionen und Erwartungen, was wer zu welchem Zeitpunkt wie können soll. Darin liegen Vor- und Nachteile: „Begrüßenswert ist sicherlich, dass die Standards zu einer stärkeren Verpflichtung führen, wirklich bestimmte Grundkenntnisse ernsthaft und nachhaltig zu vermitteln“, sagt Elisabeth Schabus-Kant, AHS-Lehrerin in Wien. Dennoch befürchten viele Lehrkräfte, dass der Unterricht nun vornehmlich dazu dienen wird, SchülerInnen stur auf die Testaufgaben hin zu trimmen. Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen, verlangt daher eine entsprechende Komplexität der in den Tests gestellten Aufgaben, die nicht nur eine Wiedergabe, sondern auch Verstehen der Inhalte gewährleistet.

"Guten Morgen, Kinder, ich bin Euer Coach"

Mit der Einführung von Bildungsstandards und der teilzentralen Matura wird sich auch die Rolle der LehrerInnen verändern, denn sie werden verstärkt zu TrainerInnen, die ihre SchülerInnen optimal auf  Tests vorbereiten müssen. Aus Sicht von Renate Jaeger, AHS-Lehrerin in Vorarlberg, kommt es dabei auch zu einer Abkehr von der ehemals paternalistischen Haltung der LehrerInnen: „Die Einstellung ‚Dich bringe ich schon durch’, ‚Ich bringe auch schlechte Klassen zur Matura’ wird sich wandeln. Jetzt kommt es zu einer stärkeren Betonung der Selbstverantwortung der SchülerInnen, die LehrerInnenschaft fungiert als Coach. Dass die Ziele und Kriterien detaillierter vorgegeben sind als früher, führt vielleicht auch zu einer Ent-Emotionalisierung der LehrerInnen-SchülerInnen-Beziehung, da viel sachlicher argumentiert werden kann.“

Nicht alle Kinder werden das als Erleichterung erleben. Rudolf Muhr, Germanist an der Uni Graz, geht davon aus, dass SchülerInnen aus bildungsfernen oder sozial benachteiligten Familien  größere Probleme haben werden, den Anforderungen der Bildungsstandards zu entsprechen. In allen betroffenen Fächern (Deutsch, Englisch, Mathematik) stehen sogenannte Textaufgaben im Vordergrund, die ein hohes Maß an
deutschen Sprachkenntnissen erfordern.
Mehrsprachigkeit oder Fremdsprachigkeit als solche wird aber bislang nicht als Kompetenz betrachtet. 

Chancen des neuen Modells

Harald Walser zerstreut die Erwartung, dass Bildungsstandards und Zentralmatura mehr Gerechtigkeit ins Schulsystem bringen könnten: „Ich glaube nicht, dass die Standards ganz grundsätzlich etwas mit den Bildungschancen zu tun haben. Wir brauchen andere Konzepte und bessere Rahmenbedingungen wie Ganztagsunterricht und sprachliche Fördermaßnahmen, um leistungsschwächeren Kindern größere Chancen zu eröffnen.“ Der Bildungsreferent der Grünen geht aber davon aus, dass es durch die neue Vergleichbarkeit insgesamt zu besseren Bildungsergebnissen kommen kann: „Es geht nicht darum, einen Wettbewerb zwischen den Standorten in einem marktwirtschaftlichen Sinne anzuheizen. Das macht keinen Sinn und führt auch nicht zu einer Verbesserung. Der Vergleich mit anderen Standorten – was machen die dort, was können die, warum sind die in dem einen Bereich besser – kann zusammen mit einer interessierten Neugier zu einer Leistungsverbesserung führen.“
Die größte Hoffnung aber ist, dass mit den Bildungsstandards auch eine gesellschaftliche Diskussion darüber angeregt wird, welche Bildungsinhalte die Schule überhaupt vermitteln soll. Ob dies gelingt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

 

Autorinnen: Augusta Dachs und Sophie Schaffernicht

 
Kontrovers - Bildung - Inhaltsverzeichnis
Zurück zur Übersichtsseite

Editorial

Elementarpädagogik

Neugier wecken, Orientierung geben
Was einen guten Kindergarten ausmacht

Die Umgebung angstfrei erkunden
Maria Fürstaller über Herausforderungen der Frühpädagogik

"Wir brauchen eine Qualitätsoffensive"
Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik

Schule und Ausbildung

Hartnäckig für Chancengleichheit
In Österreich muss ein Kind mit neun Jahren seinen Lebensweg wählen - das ist zu früh

Ideal und Wirklichkeit
Alternative Lernkonzepte könnten als Vorbilder für Regelschulen dienen

Bildung unter Druck
Kommentar von Ingolf Erler und Kathrin Niedermoser

"Das Image der Lehre muss verbessert werden"
Sabine Jungwirth über nötige Unterstützungsmaßnahmen für jungendliche Auszubildende

Abgeschoben und ausgeschlossen
SchulabbrecherInnen in Österreich

"Bildungschancen zu vererben ist inakzeptabel"
Harald Walser über Bildungsgerechtigkeit

Die Freiheit zu lernen
Mit einem Freiluft-Klassenzimmer werben die Grünen in Niederösterreich für ein neues Schulmodell

Bildungsstandards

Fließband oder Eigensinn?
Die Einführung allgemeiner Bildungsstandards wird die Schule stark verändern

Hochschulen

Immer noch ein Hürdenlauf
Ob ein Kind studieren wird, hängt in Österreich wesentlich von der sozialen Herkunft ab.