Kontrovers - Neugier wecken, Orientierung geben. Was einen guten Kindergarten ausmacht

- ©Novotny/Zeiss, Quelle: Privatarchiv
Es ist Montagmorgen zehn nach acht, eine kleine Karawane zieht in Richtung Kindergarten. Die Jüngste der Gruppe, Flora, gerade einmal drei Jahre alt, hängt die andern weit ab. Hinter ihr stapft Moritz, der an jeder Ecke stehen bleibt und sich strafend zur zu langsamen Mama umblickt. Der Fünfjährige ist an diesem Tag für die Fütterung des Kindergarten-Meerschweinchens verantwortlich und überzeugt davon, dass das Tier am Wochenende ohne die Gesellschaft der Kinder in einsame Depressionen gefallen sein muss.
Flora und Moritz leben in Tirol, und sie lieben ihren Kindergarten. Die private Einrichtung befindet sich nur fünf Minuten Fußmarsch entfernt vom Elternhaus, verfügt über einen eigenen Garten in dem gemeinsam Gemüse angebaut wird, die Pädagoginnen arbeiten nach den Montessori-Grundsätzen. Da es in der Stadt mit 8.000 Einwohnern noch vier weitere Kindergärten gibt, war es vergleichsweise einfach, einen Platz zu bekommen.
Der halbtägige Besuch ist für den fünfjährigen Moritz gratis, für Flora muss ein Beitrag von 85 Euro bezahlt werden. Würde die Familie in Oberösterreich, Niederösterreich oder Wien wohnen, könnte auch die Dreijährige kostenlos eine Einrichtung der Elementarbildung besuchen. Würde die Familie in der Steiermark leben, wäre aktuell auch das letzte Gratisjahr für Moritz nicht drin.
Ländersache
Eine Familie, die in Österreich eine gute, billige, zeitlich flexible Einrichtung für ihre Kinder benötigt, kann Glück haben oder auch nicht, je nachdem in welchem Bundesland sie ihren Wohnsitz hat. Die Versorgung mit Kindergärten, Kindergruppen und Krippen liegt in der Verantwortung der Länder, und diese haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, welcher Bedarf vorliegt und was die Betreuungseinrichtungen leisten sollen. In Tirol etwa haben Kindergärten im Durchschnitt an 56 Werktagen im Jahr geschlossen. Das sind ganze elf Wochen, in denen Großeltern oder Nachbarn zur Kinderbetreuung einspringen müssen, wenn die berufstätigen Eltern bei der Arbeit nicht fehlen können.
Mit der berühmten 15a-Vereinbarung zum Ausbau der Kinderbetreuung schießt der Bund den Ländern Geld zu, das bisher vor allem für Betreuung unter Dreijähriger und zur Sprachförderung genutzt wurde. Seit in Kraft treten der Regelung betonen die Länder, dass der Bedarf an Einrichtungen regional unterschiedlich und eine „Bevormundung“
deshalb fehl am Platz sei. Mit diesem Argument wurden auch bundesweit einheitliche, kürzere Schließzeiten bisher abgelehnt.
Wiener Verhältnisse
Wien scheint auf den ersten Blick ein Paradies zu sein für Eltern, die Beruf und Familie vereinbaren möchten: Die durchschnittliche Schließdauer der 2.237 privaten und öffentlichen Einrichtungen beträgt 4,4 Tage jährlich und es gibt, zumindest in öffentlichen Einrichtungen, keine Beiträge für Kinder bis zum sechsten Lebensjahr.
Alle ihre Kinder sind seit dem zehnten Lebensmonat tagsüber in außerhäuslicher Betreuung. „Überhaupt kein Problem“ so Isabelle Uhl, „wenn einmal die richtige Einrichtung gefunden ist.“
„Beim zweiten Kind ist man schon schlauer und ich hab mir noch in schwangerem Zustand einen Krippen-platz besorgt.“ Isabelle Uhl hat drei Kinder, ebenso viele Jobs und weiß, dass man nicht selten eine Odyssee zurücklegen muss, bis der geeignete Betreuungsplatz gefunden ist. Alle ihre Kinder sind seit dem zehnten Lebensmonat tagsüber in
außerhäuslicher Betreuung. „Überhaupt kein Problem“ so Uhl, „wenn einmal die richtige Einrichtung gefunden ist.“.
„Bei der Stadt Wien haben sie uns gesagt, klar, theoretisch nehmen Kindergärten auch sehr kleine Kinder, aber praktisch gibt’s eigentlich niemanden, der sein Kind so früh in eine öffentliche Einrichtung gibt.“
Warum das so ist, wurde der Familie schnell klar, als sie verschiedene Einrichtungen besichtigte: „Die ganz Kleinen stecken die meiste Zeit in Gitterbettchen und da überlegst du dir dann, ob du das wirklich für dein Kind willst.“
Die drei Kinder der Familie Uhl konnten schließlich mit etwas Glück und viel Persistenz in den ersten Jahren bei einer Tagesmutter untergebracht werden. „Ein Kinderparadies“ so Uhl. Bei der Tagesmutter gibt es viel Platz, alles ist klein und individuell, es wird selbst gekocht und Brot gebacken und die Kinder üben sich in sozialer Kompetenz. So dürfen sie beispielsweise darüber abstimmen, was gemacht wird, etwa in welchen Park sie gehen wollen. „Die lernen da, wie man Sachen ausredet und Argumente einbringt.“
Gratis ist die Unterbringung aber nicht. Von den monatlichen Kosten von 386 Euro übernimmt die Stadt Wien 226 Euro, 160 müssen die Eltern selbst zahlen.
Ein Kompass, ein sicherer Hafen
Innerhalb eines Forschungsprojektes am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien erforscht Maria Fürstaller Prozesse der Eingewöhnung von Kleinkindern in Betreuungseinrichtungen (siehe Interview). „Die Struktur einer Einrichtung mag noch so gut sein”, sagt Fürstaller, „sie kann nicht die nötige Orientierungsqualität kompensieren.“ Was Kinder brauchen, so Fürstaller, sei ein sicherer Hafen. Eine Person, auf die sie sich verlassen und zu der sie immer zurückkehren können, die ihnen die Sicherheit gibt neugierig die Welt zu erkunden.
„Ein Pädagoge oder eine Pädagogin muss wie ein Kompass sein. Wir müssen die Bedürfnisse der Kinder erkennen und uns nach ihnen richten“, sagt auch Maamoun Chakwi. Er ist Psychotherapeut und Obmann der Kindergruppe „Aladdin und die Zauberlaterne“, die sich besonders darauf konzentriert, Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache bis zum Schuleintritt Deutsch beizubringen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass jedes Kind mehrsprachig aufwachsen kann“, sagt Chakwi. „Die Kinder kommen zu uns und sprechen nur ihre Muttersprache. Nach ein paar Monaten beginnen sie, untereinander Deutsch zu reden.“
Das Konzept der Gruppe ist einfach und erfolgreich: Die Kinder erleben die deutsche Sprache in den verschiedensten sozialen Situationen, sie besuchen gemeinsam Theater und Museen, kochen, basteln und singen. Ein zusätzlicher, vom österreichischen Integrationsfonds bezahlter Betreuer nimmt abwechselnd drei Kinder aus der Gruppe heraus und arbeitet intensiv mit ihnen an ihren Sprachkenntnissen. Ist der Kindergarten auch eine Maßnahme zur besseren sprachlichen Integration? „Ja, er kann Kindern mit Migrationshintergrund helfen“ bestätigt Anja Fellerer, Referentin für Familie und Generationen bei den Grünen. „Aber auch Kinder, deren Familien über Generationen hinweg ‚österreichisch’ waren, haben immer häufiger erhöhten Förderbedarf. Und jedes Kind wird von der Gruppensituation im Kindergarten profitieren, wenn die Rahmenbedingungen passen.“
Autorin: Anna Walch
Kontrovers - PISA: Der Kindergarten als Basis für späteren Bildungserfolg

Auswertungen der PISA-Studie lassen keinen Zweifel: 15-Jährige, die eine Institution der Elementarbildung besuchten, schneiden besser ab als jene, die diese Chance nicht hatten.
Es ist evident, dass in jenen Ländern, deren SchülerInnen Jahr für Jahr besonders gut beim PISA-Test abschneiden, die meisten Kinder einen Kindergarten — beziehungsweise das jeweils nationale Äquivalent — besuchen.
Wie stark sich der Besuch eines Kindergartens in den späteren PISA-Ergebnissen niederschlägt, hängt von mehreren Faktoren ab. Diese sind: Dauer des Besuchs (länger ist besser), weniger Kinder pro PädagogIn, höhere staatliche Ausgaben pro Kind im Primärsektor.
Kinder aus benachteiligten sozioökonomischen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund profitieren besonders vom Kindergartenbesuch. Gerade dort, wo Kindergärten nicht flächendeckend angeboten werden, sind sie am stärksten von Möglichkeiten der Frühbildung ausgeschlossen.
Quelle: Pisa in Focus 2011/1, OECD 2011;
www.pisa.oecd.org/dataoecd/37/0/47034256.pdf
Kontrovers - Bildung - Inhaltsverzeichnis
Elementarpädagogik
Neugier wecken, Orientierung geben
Was einen guten Kindergarten ausmacht
Die Umgebung angstfrei erkunden
Maria Fürstaller über Herausforderungen der Frühpädagogik
"Wir brauchen eine Qualitätsoffensive"
Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik
Schule und Ausbildung
Hartnäckig für Chancengleichheit
In Österreich muss ein Kind mit neun Jahren seinen Lebensweg wählen - das ist zu früh
Ideal und Wirklichkeit
Alternative Lernkonzepte könnten als Vorbilder für Regelschulen dienen
Bildung unter Druck
Kommentar von Ingolf Erler und Kathrin Niedermoser
"Das Image der Lehre muss verbessert werden"
Sabine Jungwirth über nötige Unterstützungsmaßnahmen für jungendliche Auszubildende
Abgeschoben und ausgeschlossen
SchulabbrecherInnen in Österreich
"Bildungschancen zu vererben ist inakzeptabel"
Harald Walser über Bildungsgerechtigkeit
Die Freiheit zu lernen
Mit einem Freiluft-Klassenzimmer werben die Grünen in Niederösterreich für ein neues Schulmodell
Bildungsstandards
Fließband oder Eigensinn?
Die Einführung allgemeiner Bildungsstandards wird die Schule stark verändern
Hochschulen
Immer noch ein Hürdenlauf
Ob ein Kind studieren wird, hängt in Österreich wesentlich von der sozialen Herkunft ab.



