Kontrovers - Hartnäckig für Chancengleichheit. In Österreich muss ein Kind mit neun Jahren seinen Lebensweg wählen – das ist zu früh

- ©Lewis Hine, Quelle: National Child Labor Committee collection, U.S. Library of Congress
Wie viele andere Kinder musste auch Ali Can, heute dreizehn, sich mit neun Jahren entscheiden, ob er die Hauptschule oder das Gymnasium besuchen wird. Die Erziehungsberechtigten seiner Klasse, ein Großteil mit Migrationshintergrund, erhielten bei einer Beratung über den Schulwechsel den Tipp, ihre Kinder lieber in die Hauptschule zu schicken, weil dort der Leistungsdruck geringer und die Lernatmosphäre besser sei.
Am Ende der Volksschule wird die erste folgenreiche Entscheidung über den weiteren Bildungsweg getroffen, denn während 90 Prozent aller Kinder aus der AHS-Unterstufe in die zweite Sekundarstufe übertreten, schaffen nur 35 Prozent aus der Hauptschule diesen Sprung.
Ob ein Kind auf die Hauptschule oder aufs Gymnasium geschickt wird, hängt in den deutschsprachigen Ländern in besonders hohem Ausmaß von der Bildungs- und Einkommensschicht der Eltern ab. Während bei über 50 Prozent aller GymnasiastInnen zumindest ein Elternteil Matura hat, trifft das nur bei Zehn Prozent der HauptschülerInnen zu.
Dass die Leistung und Leistungsfähigkeit der Kinder bei der Entscheidung nicht immer ausschlaggebend ist, sondern häufig sogar bewusst gegenüber anderen Faktoren vernachlässigt wird, ist die Erfahrung vieler SchülerInnen.
Ein neuer Weg
Die gemeinsame Schule wird häufig als Lösung dieser Problematik genannt. Drei Ziele stehen dabei im Vordergrund:
Erstens möchte die gemeinsame Schule allen SchülerInnen die gleichen Chancen bieten. Auch Kinder aus bildungsfernen Schichten sollen die Möglichkeit erhalten, sich zu beweisen. Laut einer Studie des Bildungsökonomen Ludger Wößmann wird die Herkunft eines Kindes für den Schulerfolg irrelevanter, je später die Differenzierung im Schulsystem erfolgt.
Das zweite Ziel der gemeinsamen Schule gilt der sozialen Integration, die bei einem differenzierten Schulsystem nicht ausreichend stattfindet. Das herkömmliche Schulsystem in Österreich segregiert in hohem Ausmaß nach Gesellschaftsschichten, was zu einer Reproduktion von bestehenden Klassen und zu eingeschränkter sozialer Mobilität führt.
Drittens steht die gemeinsame Schule für Differenzierung und Individualisierung. Im Unterschied zum bisherigen System geht es hier aber nicht um soziale Selektion, sondern um Differenzierung nach Leistung und über die Fächerwahl.
Reine Interessenssache?
Die Debatte um die gemeinsame Schule wird oft mit ideologischen Argumenten geführt. So fürchten die GegnerInnen zum Beispiel, dass die Leistungen der guten SchülerInnen an einer gemeinsamen Schule sinken, dass sie unterfordert seien und dass der Unterricht leide.
Gegen diese Ängste spricht der Umstand, dass viele Länder mit einem Gesamtschulsystem, wie etwa Finnland, Kanada und Japan, beim PISA-Test deutlich besser als Österreich abgeschnitten haben. In Finnland gibt es eine neunjährige, in Kanada und Japan eine sechsjährige Grundschule sowie eine darauf folgende dreijährige Mittelschule. Das Konzept der gemeinsamen Schule allein reicht natürlich nicht, um die gerechte Förderung aller SchülerInnen zu gewährleisten. In Finnland sind die Klassen klein und die Kinder erhalten bei Bedarf Förderunterricht. Den Gesamtschulen in Deutschland wird nachgesagt, dass sie schlechter als erwartet abschneiden; doch da sie sich neben dem differenzierten Schulsystem behaupten müssen, können sie die angestrebte Durchmischung nicht ausreichend bieten, die soziale Selektion besteht weiterhin.
Die Situation in Österreich
Österreich geht derzeit einen ähnlichen Weg wie Deutschland, denn es führt mit der Neuen Mittelschule eine dritte Schulform ein. Das Bundesministerium präsentiert sie im Internet wie folgt: „Die Neue Mittelschule ist eine gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehn-Jährigen mit einer neuen leistungsorientierten Lehr- und Lernkultur. Das individuelle Fördern der
Schülerinnen und Schüler steht dabei im Zentrum.“
Die Neue Mittelschule ist ein Versuch, die Kluft zwischen Gymnasium und Hauptschule zu überbrücken. Allerdings ist die Debatte noch nicht abgeschlossen. Der Gesetzesentwurf zur neuen Mittelschule kam von Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) und mittlerweile gibt es auch von Seiten der ÖVP die Zustimmung, bis 2016 alle Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen umzuwandeln, unter der Voraussetzung allerdings, dass das Gymnasium als Schulform erhalten bleibt. Die FPÖ begrüßt diese Praxis, das BZÖ kritisiert hingegen, dass diese Vorgehensweise nur einer Umbenennung der Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen entspreche. Die Grünen kritisieren die geringen Mittel und die problematische Nachmittagsbetreuung.
Eine Lösung in Sicht?
Die Diskussion um die gemeinsame Schule hat immer schon viel Konfliktpotential enthalten. Doch die jahrzehntelange Debatte scheint neue Impulse bekommen zu haben. Es bleibt nun zu hoffen, dass das ehrliche Bekenntnis zur Bildungsintegration aller Kinder und verbesserte institutionelle Rahmenbedingungen endlich zu mehr Fairness führen.
BefürworterInnen wie GegnerInnen
der gemeinsamen Schule sollten neuen Argumenten gegenüber aufgeschlossen bleiben, denn das Konzept der gemeinsamen Schule ist nicht fix und muss weiter entwickelt werden, um Wirkung zu zeigen. Deutlich aber ist, dass Österreich unter aktuellen Bedingungen ein Schulsystem braucht, das Kindern unabhängig vom familiären Hintergrund alle Chancen einräumt, die möglich wären.
Ali Can hatte Glück, da seine Familie dem Gymnasium den Vorzug gab. Er ist sich noch nicht sicher, ob er Maschinenbau oder Informatik studieren will.
Autorin: Metape Can
Kontrovers - Bildung - Inhaltsverzeichnis
Elementarpädagogik
Neugier wecken, Orientierung geben
Was einen guten Kindergarten ausmacht
Die Umgebung angstfrei erkunden
Maria Fürstaller über Herausforderungen der Frühpädagogik
"Wir brauchen eine Qualitätsoffensive"
Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik
Schule und Ausbildung
Hartnäckig für Chancengleichheit
In Österreich muss ein Kind mit neun Jahren seinen Lebensweg wählen - das ist zu früh
Ideal und Wirklichkeit
Alternative Lernkonzepte könnten als Vorbilder für Regelschulen dienen
Bildung unter Druck
Kommentar von Ingolf Erler und Kathrin Niedermoser
"Das Image der Lehre muss verbessert werden"
Sabine Jungwirth über nötige Unterstützungsmaßnahmen für jungendliche Auszubildende
Abgeschoben und ausgeschlossen
SchulabbrecherInnen in Österreich
"Bildungschancen zu vererben ist inakzeptabel"
Harald Walser über Bildungsgerechtigkeit
Die Freiheit zu lernen
Mit einem Freiluft-Klassenzimmer werben die Grünen in Niederösterreich für ein neues Schulmodell
Bildungsstandards
Fließband oder Eigensinn?
Die Einführung allgemeiner Bildungsstandards wird die Schule stark verändern
Hochschulen
Immer noch ein Hürdenlauf
Ob ein Kind studieren wird, hängt in Österreich wesentlich von der sozialen Herkunft ab.



