Kontrovers - „Wir brauchen eine Qualitätsoffensive“ - Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik

- ©Novotny/Zeiss, Quelle: Privatarchiv
Heidemarie Lex-Nalis ist pensionierte Kindergarten- und Hortpädagogin, Soziologin, ehemalige Direktorin der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik in Wien 10, sie gehört dem Steuerteam der Plattform Educare an und koordiniert die Projektgruppe zu Aus-, Fort- und Weiterbildung der ElementarpädagogInnen.
Kontrovers: Es mag eine banale Frage sein, aber: Was ist die Aufgabe einer KindergartenpädagogIn?
Heidemarie Lex-Nalis: KindergartenpädagogInnen sind WegbereiterInnen in die Zukunft. Kinder im Vorschulalter sind unendlich neugierig und wissbegierig. Die Aufgabe der KindergartenpädagogIn ist es, diese „Lust am Lernen“ zu unter-stützen und zu erhalten. Dazu muss sie jedem einzelnen Kind jenes Maß an Sicherheit und Geborgenheit, an Hilfestellung und Anregung geben, das es persönlich zur Entwicklung und Entfaltung all seiner Ressourcen braucht.
Wie würden sie die Fortschritte hin zu einer Neuorganisation des früh- und vorschulpädagogischen Bereichs heute beschreiben?
Seit einigen Jahren fordern die Sozialpartner unter dem Aspekt der besseren „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ mehr Kindergarten- und Kinderkrippenplätze. Übersehen wurde dabei, dass der Kindergarten auch die erste außerfamiliäre Bildungseinrichtung ist. In letzter Zeit – wohl im Zusammenhang mit den katastrophalen PISA-Ergebnissen erlebe ich jedoch ein Umdenken in Richtung „frühe Bildung“ und „Ausbau der Chancengerechtigkeit“. Das verpflichtende Kindergartenjahr und der beitragsfreie Kindergarten zeugen davon. An der Umsetzung gibt es jedoch ziemlich viel zu kritisieren.
Es scheint immer wieder, als ob ohnehin alle politischen Kräfte darin übereinstimmen, dass es Reformen braucht. Warum ist bisher noch nichts geschehen?
Vieles ist seitens des Bundes auf den Weg gebracht worden. Eine zufriedenstellende Umsetzung scheitert jedoch an
den unterschiedlichen Zuständigkeiten für das Kindergartenwesen und daran, dass Österreich deutlich zu wenig Geld
für den elementaren Bildungsbereich ausgibt. Die OECD schlägt ein Prozent des BIP vor, wir geben 0,43 Prozent aus. Das führt dazu, dass es Kindergärten gibt, in denen lediglich eine PädagogIn für 25 Kinder zur Verfügung steht! Europäischer Standard ist, dass pro drei bis sieben Kinder jeweils altersabhängig eine Fachkraft beschäftigt werden muss und pro Gruppe mindestens eine Pädagogin mit einem akademischen Abschluss. Neben der Steigerung der Quantität brauchen wir endlich eine Qualitätsoffensive.
Was antworten Sie Kritikern, die meinen, eine Hochschulausbildung für die Arbeit in früh- und vorschulpädagogischen Bereich wäre schön, sei aber realitätsfern?
Es ist erwiesen, dass im Vorschulalter die Basis für die weitere Schul- und Berufslaufbahn von Kindern gelegt wird. Warum sollten hier die am schlechtesten ausgebildeten PädagogInnen eingesetzt werden? Darüber hinaus gibt es auch einen pragmatischen Grund, die Ausbildung zu verändern: Die BAKIP-AbsolventInnen wandern seit langem in großer Zahl in den Schulbereich oder in andere pädagogische Bereiche ab, und die Personalnot wird immer größer werden.
Erst wenn die Kindergartenpädagogik eine Aufwertung erlebt - und dazu gehört die Akademisierung und die dienst- und besoldungsrechtliche Angleichung an die
SchulpädagogInnen - wird es wieder genügend KindergartenpädagogInnen geben.
Die Fragen stellte Anna Walch.
Kontrovers - Bildung - Inhaltsverzeichnis
Elementarpädagogik
Neugier wecken, Orientierung geben
Was einen guten Kindergarten ausmacht
Die Umgebung angstfrei erkunden
Maria Fürstaller über Herausforderungen der Frühpädagogik
"Wir brauchen eine Qualitätsoffensive"
Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik
Schule und Ausbildung
Hartnäckig für Chancengleichheit
In Österreich muss ein Kind mit neun Jahren seinen Lebensweg wählen - das ist zu früh
Ideal und Wirklichkeit
Alternative Lernkonzepte könnten als Vorbilder für Regelschulen dienen
Bildung unter Druck
Kommentar von Ingolf Erler und Kathrin Niedermoser
"Das Image der Lehre muss verbessert werden"
Sabine Jungwirth über nötige Unterstützungsmaßnahmen für jungendliche Auszubildende
Abgeschoben und ausgeschlossen
SchulabbrecherInnen in Österreich
"Bildungschancen zu vererben ist inakzeptabel"
Harald Walser über Bildungsgerechtigkeit
Die Freiheit zu lernen
Mit einem Freiluft-Klassenzimmer werben die Grünen in Niederösterreich für ein neues Schulmodell
Bildungsstandards
Fließband oder Eigensinn?
Die Einführung allgemeiner Bildungsstandards wird die Schule stark verändern
Hochschulen
Immer noch ein Hürdenlauf
Ob ein Kind studieren wird, hängt in Österreich wesentlich von der sozialen Herkunft ab.



