Kontrovers - Die Umgebung angstfrei erkunden - Maria Fürstaller über Herausforderungen der Frühpädagogik

©Novotny/Zeiss, Quelle: Privatarchiv
©Novotny/Zeiss, Quelle: Privatarchiv

Im Arbeitsbereich Psychoanalytische Pädagogik am Institut für Bildungswissenschaftender Universität Wien erforschen WissenschafterInnen die Eingewöhnungsphase von unterdreijährigen Kindern in Wiener Kinderkrippen und Kindergartengruppen. Die Studie wird vom österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanziert und von Professor Wilfried Datler in Kooperation mit Professorin Liselotte Ahnert geleitet. Maria Fürstaller ist Projetmitarbeiterin.
 
Kontrovers: Die Wiener Kinderkrippenstudie befasst sich mit einem kontrovers diskutierten Thema. Wie lässt sich der aktuelle Stand der Forschung zusammenfassen?   
Maria Fürstaller: Die wissenschaftliche Untersuchung des Übergangs von der familiären zur außerfamiliären Betreuung und der Eingewöhnung von unter dreijährigen Kindern in eine Kindertagesstätte hat in den letzten 30 Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Das zentrale Ergebnis einiger Studien ist, dass Kinder aufgrund der Trennung von ihren primären Bezugspersonen emotional hochbelastet sind. Schon in den 1980er und 1990er Jahren wurde festgestellt, dass Kleinkinder in der Anfangszeit des Krippen- und Kindergartenbesuchs eine besonders intensive Begleitung in der Eingewöhnungsphase benötigen (siehe auch „Berliner Eingewöhnungsmodell“).

Was ist, nach dem aktuellen Stand ihrer Forschungen, ausschlaggebend dafür, ob Kinder sich in der neuen Umgebung der Kinderkrippe oder des Kindergartens zurechtfinden?

Wir gehen in der Studie davon aus, dass die gelingende Eingewöhnung engdamit verbunden ist, ob und in welcherWeise es den Kindern gelingt, Trennung, Getrennt-Sein und die damit verbundenen Gefühle des Verlusts, der Orientierungslosigkeit, der Angst oder der Trauer zu bewältigen.
Eine der Hauptaufgaben besteht darin, den Kindern Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.
Vor allem aus den Einzelfallstudien, diewir im Rahmen des Projekts durchgeführthaben, wird deutlich, dass unter dreijährigeKinder auf Hilfen zur Affektregulation angewiesen sind. Der Beziehungsaspekt, also das interaktive Zusammenspiel mit PädagogInnen und Peers, ist hier von großer Bedeutung. Eine der Hauptaufgaben besteht dabei darin, den Kindern Beziehungserfahrungen zu ermöglichen, aufgrund derer sie allmählich die emotionalen Belastungen bewältigen und Kindergarten und die Kinderkrippe erkundend erforschen können. Neben dem Erlernen von Kompetenzen und Fähigkeiten geht es hier also auch um Persönlichkeitsentwicklung als wichtigem Aspekt von Bildung.

Kann man sagen, wie eine Kinderkrippe optimal strukturiert oder organisiert sein sollte?

Die aktuelle Forschung zeigt, dass bestimmte Qualitätsmerkmale für diese Einrichtungen bedeutsam sind: Unter dem Schlagwort „Strukturqualität“ versteht man die Gruppengröße, den Betreuungsschlüssel oder die Ausstattung der Einrichtung. Mit „Prozessqualität“ und „Orientierungsqualität“ lässt sich das „Wie“ des Kindergartenalltags beschreiben, etwa die Qualität der Interaktion zwischen den Kindern und den ErzieherInnen. Qualität ist also ein mehrdimensionales Phänomen.

Seit 2009 existiert in Österreich ein Bundesländer übergreifender Bildungsrahmenplan für Kindergärten ...

Bildungspläne schaffen Strukturen und Vergleichbarkeit und können dazu beitragen, die Qualität in frühpädagogischen Arbeitsfeldern anzuheben. Im „Wiener Projekt zur Entwicklung von standortbezogenen Konzepten der Eingewöhnung von Kleinkindern in die Kinderkrippe und den Kindergarten“ (kurz WiKo) haben wir aber vor allem die Erfahrung gemacht, dass neben der Vermittlung von elementarpädagogischen Grundlagen auch die Reflexion der eigenen pädagogischen Arbeit besonders wichtig ist. Aus unserer Sicht sind im Rahmen der Bemühungen, die Qualität in den Einrichtungen zu steigern und zu halten, auch berufsbegleitende und supervisorische Maßnahmen notwendig.

 

Die Fragen stellte Anna Walch.

 
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Editorial

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