Kontrovers - "Das Image der Lehre muss verbessert werden" - Sabine Jungwirth über nötige Unterstützungsmaßnahmen für jugendliche Auszubildenden

©Renate & Roger Rössing Quelle: Deutsche Fotothek
©Renate & Roger Rössing Quelle: Deutsche Fotothek

Sabine Jungwirth ist grüne Landtagsabgeordnete und Landessprecherin der Grünen Wirtschaft Steiermark.

Kontrovers: Jährlich verlassen rund 10.000 Jugendliche die Pflichtschule, um entweder HilfsarbeiterInnen zu werden oder sie sind auf dem Arbeitsmarkt und in der Ausbildung gar nicht mehr auffindbar, wie die Wiener Zeitung schreibt. Kann sich eine Gesellschaft das leisten?
Sabine Jungwirth: Zur Sicherung des Zusammenhalts und des sozialen Friedens ist es unerlässlich, dass die Chancen der jungen Menschen auf eine zufriedene und sinnerfüllte Zukunft gewahrt werden. Dazu gehört im derzeit gelebten Wertegerüst unserer Gesellschaft für die meisten Menschen die Teilhabe am Erwerbsprozess. Es ist daher eine wichtige Aufgabe der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen möglichst viele junge Leute eine ihren Fähigkeiten entsprechende qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten.

Das Lehrstellenangebot geht kontinuierlich zurück. Sozial- und Arbeitsminister Rudolf Hundstorfer spricht von einer „Ausbildungspflicht“. Verweigern Jugendliche die Ausbildung, soll die Familienbeihilfe gestrichen werden. Unternehmen will er daran hindern, Jugendliche als Hilfskräfte einzusetzen. Ist dieser Ansatz zielführend?
Die Familienbeihilfe zu streichen, ist aus meiner Sicht keine sinnvolle Maßnahme, da dies zwar die Eltern finanziell trifft, diese jedoch bei nicht vorhandener Selbsterhaltungsfähigkeit der/des Jugendlichen trotzdem zumeist zum Unterhalt verpflichtet sind. In jenen Familien, in denen das Familienbudget so gering ist, dass die Auszahlung der Familienbeihilfe als Repressalie eingesetzt werden könnte, bedarf es ohnehin häufig anderer und größerer Unterstützung.

Der Mangel an Lehrstellen ist sicherlich teilweise darin begründet, dass sich viele Unternehmen unter den momentan vorherrschenden Standortbedingungen gar nicht in der Lage fühlen, Lehrstellen anzubieten. Einerseits sind die Kosten für einen Auszubildenden hoch, andererseits verlassen auch viele Jugendliche das Schulsystem mit sehr schlechter Basisausbildung, so dass oftmals die notwendigsten Grundkenntnisse fehlen. Häufig wird aber auch ein hoher Druck auf junge Menschen ausgeübt, eine höher qualifizierte Ausbildung als eine Lehre anzustreben, wodurch wiederum gut geeignete junge Menschen den Unternehmen als Auszubildende gar nicht zur Verfügung stehen. Das Image der Lehre und die Möglichkeiten zur späteren Weiterqualifizierung müssen daher verbessert werden.

Die duale Ausbildung (Ausbildungsbetrieb, Berufsschule) ist meist auf hohe Spezialisierung ausgerichtet. Das wird den Flexibilitätsanforderungen im heutigen Berufsleben oft nicht gerecht. Wo kann hier angesetzt werden, um besser auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten?
Ein erster Schritt ist die bereits in manchen Berufssparten in Angriff genommene Modularisierung der Lehre, bei der die Berufsausbildung aus einem Basismodul und Spezialmodulen besteht. Beispielsweise werden alle im Berufsfeld der InstallateurInnen ange-siedelten Auszubildenden in einem Basismodul gemeinsam ausgebildet, später werden in den Spezialmodulen LüftungsinstallateuerInnen oder SolarinstallateurInnen gesondert geschult. Bei einem Wechsel von einer in die andere Sparte wäre dann nur ein Teil der Ausbildung nachzuholen. Die im Modulsystem erlernbaren Berufe müssten noch deutlich ausgeweitet werden. Eine weitere wesentliche Maßnahme besteht darin,
die Durchlässigkeit zwischen Lehre und höherer/berufsbildender Schule zu verbessern. Dazu bedarf es einer Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen für Fortbildungsmaßnahmen.

 

Die Fragen stellte Markus Schauta.

 
Kontrovers - Bildung - Inhaltsverzeichnis
Zurück zur Übersichtsseite

Editorial

Elementarpädagogik

Neugier wecken, Orientierung geben
Was einen guten Kindergarten ausmacht

Die Umgebung angstfrei erkunden
Maria Fürstaller über Herausforderungen der Frühpädagogik

"Wir brauchen eine Qualitätsoffensive"
Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik

Schule und Ausbildung

Hartnäckig für Chancengleichheit
In Österreich muss ein Kind mit neun Jahren seinen Lebensweg wählen - das ist zu früh

Ideal und Wirklichkeit
Alternative Lernkonzepte könnten als Vorbilder für Regelschulen dienen

Bildung unter Druck
Kommentar von Ingolf Erler und Kathrin Niedermoser

"Das Image der Lehre muss verbessert werden"
Sabine Jungwirth über nötige Unterstützungsmaßnahmen für jungendliche Auszubildende

Abgeschoben und ausgeschlossen
SchulabbrecherInnen in Österreich

"Bildungschancen zu vererben ist inakzeptabel"
Harald Walser über Bildungsgerechtigkeit

Die Freiheit zu lernen
Mit einem Freiluft-Klassenzimmer werben die Grünen in Niederösterreich für ein neues Schulmodell

Bildungsstandards

Fließband oder Eigensinn?
Die Einführung allgemeiner Bildungsstandards wird die Schule stark verändern

Hochschulen

Immer noch ein Hürdenlauf
Ob ein Kind studieren wird, hängt in Österreich wesentlich von der sozialen Herkunft ab.