Kontrovers - Sisyphus: 1925 – 2011 - ?. Oder: Das System der strukturellen Ausgrenzung hat einen langen Bart

10. August 2011: Straßenschlachten und Plünderungen auf Londons Straßen...In manchen Stadtteilen wächst jedes zweite Kind in relativer Armut und Perspektivenlosigkeit auf.
Der österreichische Bildungswissenschaftler Siegfried Bernfeld (Siegfried Bernfeld: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. 1925 Leipzig/Wien/Zürich ) schrieb in seinem 1925 veröffentlichten Essay über die geheim wirkenden Kräfte der Institution Schule, über die Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen schulischer Sozialisation, was seither, so Karl Heinz Gruber (Professor Karl Heinz Gruber/Universität Wien, Oxford), von einer Fülle von Forschungsbefunden zum Thema bestätigt wurde. Und doch macht es Sinn, auf einige besondere Paradoxien noch einmal hinzuweisen:
Obwohl die etwa 20% nicht sinnerfassenden LeserInnen unter den getesteten 15jährigen SchülerInnen in Österreich keinen höheren Prozentsatz bei SchülerInnen mit Migrationshintergrund aufwiesen, brechen dennoch doppelt so Viele aus der letztgenannten Gruppe ihre Ausbildungen ab, etwa 40%. Was ist da schief gelaufen?
Allzuoft passiert es, dass ob der Bildungsmisere und der Schwächen des österreichischen Bildungssystems Mythen und Schuldvorwürfe hin und her geschoben werden, es wären die sogenannten „bildungsfernen Eltern“, es wären die mangelnden Sprachkenntnisse, es wären die 'faulen' LehrerInnen...
Solange diese eindimensionale Diskursdynamik nicht unterbrochen wird und sowohl verhärtete strukturelle Momente als auch tief verankerte Denkmuster nicht hinterfragt und verändert werden, wird die komplexe Segregationspolitik kein Ende finden! Zahlreiche – wohlbekannte – Aspekte wirken im Schulalltag, die den erfolgreichen Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Familien einschränken oder gar verhindern:

  • Ein zwei/drei-gegliedertes Schulsystem, das Bildungsentscheidungen mit 10 Jahren erfordert, was bekanntlich wissenschaftlich nicht gestützt werden kann, und das – auch österreichische – Kinder, deren Eltern niedrige Bildungsabschlüsse haben, oft aus fragwürdigen Gründen in die Sonderschule (Mario Steiner, Gespräch mit Lotte Kreissler, Februar 2011)
  • Finanzieller und genereller Ressourcenmangel – wer zahlt heute das Eislaufen in der Volksschule?
  • Zu hohe KlassenschülerInnenzahlen und ein Schulsystem, das Lernunterstützung zu Hause voraussetzt, wo oft aber kein Geld für Nachhilfe vorhanden ist. In Finnland/Schweden/... werden bei 26% aller SchülerInnen individuelle Leistungsdefizite am Schulstandort mit individuellen Förderstunden ausgeglichen; das Ziel dort: ein integratives Schulsystem.
  • Zahlreiche weitere Aspekte, die hier keinen Platz finden können...


Im Englischen wird der Begriff 'Backlash' dafür verwendet, wenn Entwicklungen antagonistische Reaktionen mit höchst unerwünschten Wirkungen hervorrufen. Kurz: Die wesentliche Frage zur Bildungsbenachteiligung ist jene nach dem 'Backlash' aller strukturellen Faktoren auf die Betroffenen, und zwar LehrerInnen sowie SchülerInnen?
Karl Heinz Gruber vermutet, dass für viele LehrerInnen die lernbereite, leistungshomogene
Klasse das Ideal zu sein scheint, was von der Schulrealität vielfach nicht eingelöst wird.

"Es liegt...nahe anzunehmen, dass der „heimliche Lehrplan“ der Institution Schule auch auf die Lehrerschaft wirkt und ihr (individuelles wie kollektives) Bewusstsein nachhaltig beeinflusst. Es kann für die individuelle wie kollektive Befindlichkeit der österreichischen Lehrer nicht förderlich sein, zu wissen, zu ahnen oder zu verdrängen, dass ihre Auslese (ohne individuelle Schuld, die Fehler sind „systemisch“) unfair ist, weil sie Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern benachteiligt und zu sozialer Segregation führt, dass sie unökonomisch und ineffizient ist, weil sie nicht alle Begabungen fördert und die schulischen Ressourcen mangelhaft nutzt und dass es keine bildungstheoretische Rechtfertigung für     zwei Schulformen auf der Sekundarstufe I gibt."

(Karl Heinz Gruber: Die Ausbildung der Lehrenden. Workshop der Österreichischen Forschungsgemeinschaft, 1. – 2. 6. 2007. Lehrersein und Lehrerbewusstsein. Anmerkungen zur Bedeutung der Organisation des Schulsystems für die Art und Weise, wie Lehrerinnen und Lehrer ihre Berufsrolle wahrnehmen.)

Und ebensoviele LehrerInnen warten vermutlich (un)geduldig auf die notwendigen Änderungen, um ihre auch edukative Arbeit gut durchführen zu können!
Ein gutes und gerechtes Bildungssystem weist ein Bündel an Gütekriterien auf, das längst bekannt ist. Die Einbindung der SchülerInnen an der Gestaltung des Lernalltags sowie der Lerninhalte und -bedingungen ist nur ein wesentlicher Schritt zu diesem Ziel. Der österreichische Weg war jedoch seit jeher die 'Schulreform von oben'. Der politische Wille zur Umsetzung eines Schulsystems, das für alle funktioniert, und die nötigen zugeteilten Ressourcen dafür haben bisher gefehlt.
Wie viel Zeit können sich die Verantwortlichen noch lassen?

 

Autorin: Lotte Kreissler
Lotte Kreissler ist Lotte Kreissler: Lehrerin, Trainerin, Konfliktberaterin, Traumaberaterin in Ausbildung. Schwerpunkte Bildungsbenachteiligung, Demokratische Bildung, Interkulturelle Kommunikation, Konflikttransformation.

 
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