Kontrovers - "Die Freiheit zu lernen" - Mit einem Freiluft-Klassenzimmer werben die Grünen in Niederösterreich für ein neues Schulmodell

- ©Die Grünen Niederösterreich
Eine gemütliche Sitzecke, die zum Lesen einlädt, zwei moderne Tische aus Holz, Sitzsäcke, ein Malboden, überall Buntstifte, Bücher, Laptops und Spielzeug. Pflanzen geben dem Raum ein besonderes Klima, es ist genug Platz für Bewegung. Wäre in der Ecke nicht eine große Schultafel, würde kaum etwas in diesem Raum an eine Schulklasse erinnern.
Das beschriebene Szenario stammt aus der Bildungstour „Born 2 Learn“, mit der die Grünen derzeit ihr alternatives Schulmodell in Niederösterreich vorstellen. Dabei wird ein „Grünes Klassenzimmer“ auf der Straße aufgebaut, das auf Kinder offensichtlich anziehend wirkt. Sie lesen, spielen oder beantworten per Laptop begeistert Fragen aus dem PISA-Test, weil es bei diesem Quiz auch etwas zu gewinnen gibt.
„Das Klassenzimmer ist bunt, freundlich, hell, luftig. Es ist den Räumen einer Grünen Schule, wie sie beispielsweise in Finnland schon existiert, nachempfunden“, erklärt Emmerich Weiderbauer, der Erfinder des Freiluft-Klassenzimmers.
Weiderbauer ist Bildungssprecher bei den Grünen Niederösterreich und hatte die ÖVP-SPÖ-Bildungsdebatten im Landtag so satt, dass er kurzerhand einen anderen Weg einschlug, um den Menschen zu zeigen, wie das derzeitige Bildungssystem reformiert werden müsste:
„Nämlich so, dass das Lernen und Lehren wieder Freude macht und es jedem Kind ermöglicht, Bestleitungen zu erbringen. Kinder sind von Geburt an wissbegierig, neugierig. Wieso nutzen wir das nicht? Die Lehrenden sind dem Spardruck der Regierung ausgesetzt und bekommen nur wenige Mittel, um ihren Unterricht ansprechend zu gestalten. Das wollen wir wieder ändern.“
Interesse fördern, Stärken ausbauen
Gründe, die für die Grüne Schule sprechen, kann Weiderbauer genügend aufzählen: „Dieses Schulmodell gibt den jeweiligen Interessen genügend Spielraum, es verordnet keine streng geregelten 55 Minuten-Einheiten und drückt den Kindern nicht Woche für Woche denselben Stundenplan aufs Auge. Gemeinsam mit gut ausgebildeten Pädagogen und Pädagoginnen – so genannten Lerncoaches – managen die SchülerInnen ihren Stundenplan Woche für Woche selbst und müssen sich daran halten. SchülerInnen unterschiedlichen Alters erarbeiten gemeinsam Projekte, sie lernen voneinander. Individualität, Talente und Interessen werden so gefördert, die Kinder zu Höchstleistungen motiviert“, schwärmt Weiderbauer.
Er selbst ist Lehrer und wünscht sich oft mehr Zeit und Möglichkeiten, seine Schüler und Schülerinnen individuell zu betreuen, ihren Stärken mehr Aufmerksamkeit zu schenken. „Leider konzentriert sich unser derzeitiges Bildungssystem auf die Schwächen der Kinder. Die Nachhilfe-Angebote boomen, die Kosten für die Eltern werden immer höher. Das ist
eindeutig der falsche Weg und mich wundert es nicht, dass die Kinder demotiviert sind und oft nicht gern in die Schule gehen“, so Weiderbauer.
Die Vision der Grünen kommt gut an, aber die Skepsis bleibt. „Keine Frage – ich wär zu meiner Zeit auch lieber in ein freundlich und voll modern ausgestattetes Klassenzimmer zum Lernen gegangen. Aber das bleibt ein Wunschgedanke. In Österreich wird sich in der Schule nicht so schnell etwas ändern“, meint zum Beispiel Karl H. aus Mödling, der den Ausbildungsweg seiner drei Enkel in unterschiedlichen Schulstufen miterlebt.
Derartige Reaktionen begleiten Weiderbauer regelmäßig auf seiner Tour durch Niederösterreich. Verblüfft zeigen sich die KritikerInnen aber immer, wenn Weiderbauer sein Ass aus dem Ärmel schüttelt und erklärt, dass die Grüne Schule im Vergleich zum jetzigen Schulsystem den Staat 2.000 Euro weniger pro Kind kosten würde. „Die Menschen sind interessiert. Viele wollen auch wissen, wie ein Schultag in einer Grünen Schule genau aussieht. Wie die Fächerauswahl funktioniert, ob es ein Notensystem gibt, wie die Nachmittagsbetreuung funktioniert. Wenn die Menschen merken, dass ich Antworten auf all ihre Fragen habe, kommt ihnen der Gedanke, dass dieses Schuldmodell umsetzbar wäre, wenn alle Parteien es wollen.“
Autorin: Kerstin Schäfer
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