Kontrovers - "Abgeschoben und ausgeschlossen" - SchulabbrecherInnen in Österreich

- ©Lewis Hine, Quelle: National Child Labor Committee collection, U.S. Library of Congress
Rund 8.000 Jugendliche zwischen 14 und 15 Jahren verlassen jährlich mit maximal einem Pflichtschulabschluss die Schule. „Early School Leavers“ werden sie in den Statistiken bezeichnet. Viele von ihnen können nicht ausreichend lesen und schreiben.
Auch Sarah* (19) hat mit 14 die Hauptschule abgebrochen. „Ich habe eine Essstörung bekommen, der Stress in der Schule war einfach zu viel.“ Mobbing im Klassenzimmer war ein Grund. „Du hast keine Chance gute Noten zu schreiben, ohne dass du ausgelacht wirst“, sagt Sarah. Auch mit den LehrerInnen kam sie nicht zurecht. Der Umgang mit den SchülerInnen sei oft respektlos gewesen. „Von uns verlangen Sie höchsten Respekt. Aufstehen, wenn ein/e LehrerIn in die Klasse kommt, höflich grüßen und immer mit Sie ansprechen. Aber mit uns dürfen sie schimpfen und uns mit Du ansprechen. Warum, nur weil wir minderjährig sind?“ Sarah begehrte auf und wurde in eine niedrigere Leistungsgruppe abgeschoben.
Lotte Kreissler, Bildungsexpertin, kennt diese Problematik: „Das Verhalten der SchülerInnen wird mit ihrer Leistung vermischt.“ Die LehrerInnen seien mit der Situation überfordert, auch reiche ihre pädagogische und fachliche Qualifikation oft nicht aus. Hier müsse bei der Ausbildung angesetzt und angehende LehrerInnen auf den Umgang mit pubertierenden Jugendlichen besser vorbereitet werden.
Auch die immer schwieriger gewordenen Arbeitsumstände tragen zur Überforderung bei. „Das Problem liegt keineswegs nur an den LehrerInnen, sondern daran, dass das System die Rahmenbedingungen nicht schafft, damit die LehrerInnen ihren Job machen können“ meint Georg Koenne, Referent im Grünen Klub.
Ungleiche Förderchancen
Sarah hatte MitschülerInnen, die „eigentlich gescheit gewesen wären“, wie sie sagt, aber dennoch schlechte Noten bekamen. „Die Eltern der Kinder, viele von ihnen arbeitslos, haben nur herum geschimpft.“ Unterstützung von zu Hause habe es für sie nicht gegeben.
„Jeder Mensch kommt in eine Krise. Aber normalerweise wird man von zu Hause begleitet“, erklärt Lotte Kreissler. Wo Jugendliche nicht von zu Hause begleitet werden oder die Krise durch familiäre Umstände hervorgerufen werde, brauche es eine Begleitung von Seiten der LehrerInnen und der Schulsozialarbeit. „Unbegleitet wird’s dann dramatisch.“ Schlechte Noten und oft Schulabbruch sind dann die Folge.
Der sozioökonomische Hintergrund des Elternhauses ist ein wesentlicher Faktor bei frühzeitigem Schulabbruch. Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien (IHS) hat die Quote der Schulabbrecher-Innen in Abhängigkeit zum Bildungsstand der Eltern untersucht. Er zeigt auf, dass 3,9 Prozent der Kinder von Eltern, die über Matura oder ein Studium verfügen, die Schule vorzeitig abbrechen. Unter den Kindern, deren Eltern eine einfache Berufsausbildung haben, brechen 7,1 Prozent die Schule frühzeitig ab, während Kinder von bei Eltern mit höchstens Pflichtschulabschluss zu 19,6 Prozent „Early School Leavers“ werden.
In Österreich werden jährlich 127 Millionen Euro für Nachhilfe ausgegeben“
Solange die Halbtagsschule das Hausaufgabenmachen und Üben an die Eltern delegiert, kann es keine Chancengleichheit geben. Denn ob Eltern diese Aufgabe überhaupt wahrnehmen können, hängt von ihrem eigenen Bildungsniveau ab und davon, ob sie die notwendige Betreuungszeit für ihr Kind aufbringen können. Was bei allein erziehenden oder berufstätigen Eltern oft schwer realisierbar ist. Daher boomt der Nachhilfemarkt, in Österreich werden jährlich 127 Millionen Euro dafür ausgegeben. Wie eine Studie der Arbeiterkammer (AK) zeigt, bräuchten 27 Prozent der SchülerInnen Nachhilfe, das sind 310.000 Kinder. Etwa 70.000 von ihnen erhalten aber keine, was unter anderem daran liegt, dass ihre Eltern es sich nicht leisten können.
Eine OECD-Studie belegt, dass sozioökonomische Benachteiligung durch entsprechende schulische Förderung überwunden werden könnte. Im OECD-Durchschnitt können 31 Prozent der benachteiligten SchülerInnen dennoch einen höheren Bildungsgrad als ihre Eltern erwerben, in Österreich sind es knapp 20 Prozent. Hier besteht dringender Aufholbedarf.
Der Staat in der Verantwortung
Sarah besuchte eine Hauptschule im 2. Bezirk in Wien. Etwa die Hälfte ihrer MitschülerInnen hatte Migrationshintergrund. „Deutsch war in meiner Klasse aber kein Problem, höchstens vereinzelt, denn es waren ja alle in Österreich aufgewachsen.“
Dass mangelnde Deutschkenntnisse der Kinder mit Migrationshintergrund eine Schwierigkeit darstellt, will Lotte Kreissler nicht von der Hand weisen, dennoch sei das Deutschproblem von den Medien aufgebauscht worden: „Dadurch kann man die Schulmisere auf die Migranten schieben und sagen, sie wollten nicht Deutsch lernen. Das Spiel der Schuldverschiebung wird in Österreich seit Jahrzehnten gespielt.“
Das eigentliche Problem sei jedoch nicht die Sprache, sondern das Schulsystem. Vor der PISA-Studie habe niemand von einer Bildungsmisere sprechen wollen, so Kreissler. Aber nach den vielen schlechten Ergebnissen konnte man das nicht mehr ignorieren. „Die Ergebnisse sprechen für sich. Wir wissen, dass 20 bis 25 Prozent der 16-Jährigen, nicht sinnerfassend lesen können.“
Wo es Sprachschwierigkeiten gebe, könne die Familie nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Aber dort, wo die Familie ausfällt, müsse der Staat die Bildungsaufgabe übernehmen, erklärt Kreissler. Die Debatte um das Deutschproblem dürfe nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.
Ihr Volksschullehrer hatte davon abgeraten, Sarah auf ein Gymnasium zu schicken; Sarahs Mutter befolgte den Rat und schrieb ihre Tochter in der Hauptschule ein.
„Wenn ich aufs Gymnasium gegangen wäre, wär einiges anders gelaufen“, ist sich Sarah sicher. Ihre FreundInnen aus der Volksschule haben heuer Matura gefeiert. „So weit hätte ich jetzt auch sein können. Und das alles wegen einer Fehlentscheidung.“
Will ein Jugendlicher nach der Hauptschule die Matura machen, fällt im gegenwärtigen System der Umstieg nicht leicht. Laut Statistik Austria bricht jede/r vierte HauptschülerIn innerhalb der ersten drei Ausbildungsjahre die AHS-Oberstufe wieder ab.
Anstelle der frühen Differenzierung in AHS und Hauptschule fordern die Grünen daher eine gemeinsame Schule für alle zehn- bis 14-Jährigen. Die Klassen sollten
klein gehalten werden, die Förderung der SchülerInnen ihrer Begabung und ihrem Potenzial entsprechen. Statt frühzeitig einen Teil der SchülerInnen auszusortieren und abzuschieben, sollten Kinder im Pflichtschulalter gemeinsam eine Schule besuchen.
Sarah hat im Rahmen der Erwachsenenbildung mit 19 ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. Die LehrerInnen in den Kursen gingen besser auf die SchülerInnen ein, haben sie motiviert, erzählt sie. Jetzt will sie die Matura machen. Im Herbst wird Sarah mit der Abendschule beginnen.
Autor: Markus Schauta
Kontrovers - Bildung - Inhaltsverzeichnis
Elementarpädagogik
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"Wir brauchen eine Qualitätsoffensive"
Heidemarie Lex-Nalis über Frühförderung und die notwendige Aufwertung der Kindergartenpädagogik
Schule und Ausbildung
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Immer noch ein Hürdenlauf
Ob ein Kind studieren wird, hängt in Österreich wesentlich von der sozialen Herkunft ab.



