JUNG UND RECHTS - MIT MUSIK PROVOZIEREN
Die jugendliche rechtsextreme Szene erlebt in Österreich derzeit ihren vermutlich größten Boom seit 1945. Thomas Rammerstorfer vom Kulturverein Infoladen Wels sieht darin bereits eine Jugendbewegung, und zwar die größte derzeit existierende. Beobachtet man Gerichtsprozesse mit Wiederbetätigungsanklagen, so zeigt sich, dass das Hören von hetzerischer Musik fester Bestandteil dieser Szene ist. Kaum ein Angeklagter findet sich, der nicht rechtsextreme Musik auf seinem Handy oder PC geladen hat.
Herr Rammerstorfer, existiert in Oberösterreich eine rechte Musikszene?
Eine Fanszene besteht natürlich, mit aktiven MusikerInnen sieht es eher mager aus - noch. Regelmäßig tritt etwa ein Schärdinger Neonaziliedermacher auf, auch im Ausland, etwa im Wahlkampf der neonazistischen NPD. Die „Fanszene“ dieser Musik reicht mittlerweile weit über die Neonazigruppen und traditionellen rechten Subkulturen – etwa Skinheads – hinaus. Es ist mittlerweile leider normal, Neonazibands wie „Landser“ oder die „Zillertaler Türkenjäger“ zu hören.
Welche Art der Musik spielen die Rechten?
Mittlerweile ist nahezu jede Stilrichtung vertreten. Hard Rock/Metal dominiert, es gibt aber auch rechtsextremen Techno, HipHop, Schlager und eine boomende „Liedermacher“-Szene. Man kann zwischen einem legalen und einem illegalen Bereich unterscheiden. Wesentlich wichtiger als vereinzelte Konzerte in Österreich sind Veranstaltungen sind die Massenevents der Szene im benachbarten Ausland; in Deutschland, Italien, Ungarn, Slowenien, Kroatien und Tschechien. Dort treten dann auch österreichische MusikerInnen auf.
Was ist neu daran und wohin gehen die Trends?
Neu in den letzten Jahren sind die Verbreitungsmöglichkeiten, insbesondere durch das Internet. Auch die Vielfalt der Stile und somit der potentiellen HörerInnenschaft hat deutlich zugenommen. Wirklich alarmierend ist, dass die Musik von einer breiten Masse konsumiert wird und nicht mehr eine Angelegenheit einzelner Subkulturen oder politisch gefestigter Neonazis.
Sie sehen also eine Jugendbewegung?
Der Rechtsextremismus ist zweifellos mittlerweile eine soziale Bewegung, vergleichbar vielleicht mit früheren wie der Öko- oder Friedensbewegung. Es gibt eigene Organisationen, Musik, Infrastruktur, eine Ideologie, Mode USW.
Was soll rechte Musik bezwecken?
Zum einen ist es das wichtigste Propagandainstrument der Szene, zum anderen finanziert sie sich dadurch. Die deutsche NPD finanziert sich mittlerweile in erster Linie durch den Verkauf von Tonträgern und Mode. In den letzten Jahren sind in diesen Bereich im deutschsprachigen Raum dadurch wohl hunderte Arbeitsplätze entstanden. Das erschwert den Ausstieg aus der Szene, wenn man seinen Job dort hat.
Was steht dahinter? Ideologie? Geschäft? Politik?
Sowohl als auch. Musik wird entweder aus net runter geladen oder per Versand bestellt. Es gibt aber auch Läden, vor allem für Mode und vor allem in OÖ. Der Betreiber eines Mühlviertler Ladens, wo es etwa T-Shirts mit Aufschriften wie „Ostmark“ gibt, ist auch FPÖ-Gemeinderat. Vor allem in OÖ gibt es zahlreiche Überschneidungen zwischen FPÖ, RFJ und der NS-Szene.
Oberösterreich nimmt eine führende Stellung im negativen Sinn ein?
Von der gesamten Neonaziszene her ist Oberösterreich mit Sicherheit quantitativ wie qualitativ am stärksten betroffen. Nirgendwo anders in Österreich gibt es so viele Gruppen und Aktivisten. Die Polizei ist teils nicht willens, teil nicht fähig, die Konzerte zu verhindern. Im Juli wurde zwar im Bezirk Braunau eines abgedreht, das fand halt dann ein paar Kilometer weiter in Bayern ungestört statt.
Trägt die Politik Verantwortung für diese Tendenzen?
Insbesondere in den Zeiten der blau-orangen Regierungsbeteiligung gab es de facto keine Repressalien gegen die NS-Szene, die sich im gleichen Zeitraum radikalisierte und von der FP löste, um eigene Strukturen aufzubauen. Sechs Jahre ist gar nichts geschehen, das ist schwer wieder aufzuholen.
Warum hören Jugendliche diese Musik?
Provokation spielt eine große Rolle: Früher konnte man schockieren, wenn man Hard Rock oder Punk hörte – das holt heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Wirklich provozieren können Pubertierende wohl nur mehr mit Nazizeug. Gleichzeitig hat man aber da doch, zumindest wenn es um Rassismus geht, eine gewisse gesellschaftliche Rückendeckung; Rassismus ist ja kein Phänomen, das wir nur bei den Neonazis haben, sondern es in weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden. Ein jugendlicher Rechtsextremer hält sich für einen Rebellen, der die klammheimliche Unterstützung des Volkes hat.
Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?
Einerseits sollten die bestehenden Gesetze gegen die Kader und Hintermänner dieser Nazis angewandt werden. Auch die Justiz wäre hier gefragt: Es kann nicht als Lausbubenstreich durchgehen, wenn Leute planen, die Demokratie abzuschaffen und eine nationalsozialistische Diktatur wiederzuerrichten. Andererseits ist für die Mitläufer und Gefährdeten auch eine neue Form von Streetwork notwendig. Die jungen Menschen sollte man dort anzusprechen, wo sie sind und wo sich eine rechtsextreme Einstellung meist zuerst öffentlich manifestiert – im Internet. Insbesondere in den web2-Produkten wie szene1, myspace, facebook USW. Wichtig wäre auch eine Sensibilisierung von Menschen die im Jugendbereich arbeiten. Vergessen sollte man auch nicht die Freiwilligen Feuerwehren oder die Sportvereine. Wir bemerken auch einen Trend hin zu den Schützen- und gewissen Kampfsportvereinen. Im März `09 etwa hat ein Wiener Neonazi, der auch aktiver Thaiboxer beim ASKÖ war, einen Passanten erschlagen.
Interview: Thomas Hartl
