Von Fritz Kofler
Wenn wir uns in ruhigen Minuten ein gutes Leben vorstellen, welche Erwartungen stellen sich da ein? Zweifellos wollen wir unsere materiellen Grundbedürfnisse abgedeckt wissen. Wir wollen ordentlich wohnen, gut essen und unsere Bildungs- und Freizeitbedürfnisse erfüllen können. Darüber hinaus wollen wir eine intakte Umwelt, ein gutes Zusammenleben mit anderen Menschen, gute medizinische Versorgung und uns auch dann nicht fürchten müssen, wenn wir nächtens durch einsame Gegenden gehen. Gutes Leben braucht die Gewissheit, das Leben im Griff zu haben und hat viel mehr mit Glücklichsein zu tun als mit Reichtum.
Materieller Wohlstand reicht keineswegs für ein gutes Leben. Im Gegensatz zu dieser Erfahrung hat das Ziel des Wirtschaftswachstums im politischen Handeln eine überragende Bedeutung gewonnen, dem Vieles untergeordnet wird. Was zum Wohl der Wirtschaft geeignet erscheint, wird a priori als nützlich beachtet. Dass damit der gesellschaftliche Zusammenhalt geschwächt, die Natur ausgebeutet und Raubbau an der Gesundheit gefördert werden, geht in dieser Sichtweise unter.
Ein gutes Leben für alle verlangt nach einer Politik, die den emotionalen und kulturellen Anforderungen der Bevölkerung eine größere Bedeutung zumisst. Das unsinnige Streben nach permanentem Wirtschaftswachstum muss durch eine Politik ersetzt werden, die eine gute gesellschaftliche Entwicklung anstrebt. Gemeingüter wie Natur, Wissen und Bildung müssen verstärkt als Quelle des guten Lebens gepflegt und nicht aus der Perspektive ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit beurteilt werden. In der Wirtschaft muss die Produktion von sinnvollen Gütern und Dienstleistungen Vorrang vor unsinnigem Gewinnstreben erhalten. Kleinräumige Formen der gesellschaftlichen Interaktion erhalten den nötigen Raum und leisten einen wichtigen Beitrag zum guten Zusammenleben.
Wir Menschen sind durch die Evolution, die kulturelle Entwicklung und selbst durch unsere Gene für die Kooperation geschaffen. In allen Bereichen der Natur sind kooperative Vorgehensweisen effizienter als Konfrontation und Wettbewerb. Trotz dieser Voraussetzungen werden wir von Kindesbeinen an auf Konkurrenz und Durchsetzungsfähigkeit getrimmt. Wir lernen die Ellbogen zu gebrauchen und im Nächsten eher den Konkurrenten als den Freund zu sehen. In einem längst überholten darwinistischen Weltbild werden wir zu unermüdlichen und selbstlosen KämpferInnen im wirtschaftlichen Wettbewerb getrimmt.
Als Ergebnis dieser falschen Priorität kriegen wir permanenten Stress, während wir Raum für Kreativität und Zeit für Erholung brauchen. Wir sollen angepasst und einsatzwillig sein, während Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung unverzichtbare Bestandteile eines guten Lebens sind. Für viele Menschen wurde in den letzten Jahrzehnten der Wunsch nach einem guten Leben von unreflektierter Wohlstandsgläubigkeit überwuchert. Spätestens mit dem aktuell offensichtlichen Scheitern des Turbokapitalismus wird es Zeit, den wahren Bedürfnissen eines guten Lebens wieder mehr Gewicht beizumessen.
Fritz Kofler ist Mitglied des Vorstands der GBW-Wien