Von Barbara Kraus
Eine kleine, persönliche Bestandsaufnahme
Eines meiner Alteregos, ich glaube es war Sethi, hat vor einer Woche am Ende des „7. Open Space Symposiums – Die Revolution des Wirtschaftens auf der Basis von Verbundenheit“ davon gesprochen, dass wir füreinander Orte des Ausruhens sein können. Sie hat das sehr bildlich übersetzt, nämlich damit, dass sich unsere Herzen zu temporären Ruhekissen transformieren. Mein gutes Leben ist ohne Beziehung zur Mitwelt nicht denkbar und schon gar nicht getrennt vom guten Leben der anderen. Nachdem angeblich der Wandel, den wir uns für die Welt wünschen, bei uns selbst beginnt, werde ich jetzt kurz darüber sprechen, was für mich selbst ein gutes Leben ausmacht oder unbedingt dazugehört: zu spüren, dass alles was ich viel zu oft als selbstverständlich betrachte ein unglaubliches Geschenk ist, am Leben zu sein, zu atmen, die Luft, die Nahrung, das Wasser, alles geschenkt in einer unglaublichen Fülle und Großzügigkeit. Deshalb gründet mein gutes Leben in einem Gefühl von Dankbarkeit und Verantwortung und dem Wunsch selber ein Teil dieses lebendigen Gewebes zu sein, das empfängt und sich verschenkt. Dafür braucht es ein Bewusstsein über unsere wechselseitige Verbundenheit mit allem Lebendigen. Wenn mein Herz weich, weit und offen, oder auch klein, hart, weh und verschlossen ist und ich das ohne Bewertung einfach nur wahrnehmen und spüren kann, dann bin ich mittendrin in meinem guten Leben, wo ich in der Früh aufstehe, froh darüber, dass dieses köstliche Wasser, welches aus den Bergen kommt, mein Sein erfrischt während sich meine Augen an dem Grün der Bäume erfreuen, die in dem Innenhof des Hauses, wo ich seit kurzem wohne, wachsen. Zeit zu haben, um meine FreundInnen zu treffen, gemeinsam kochen und essen und im Wald unterwegs sein und zwischendurch in anderen Welten verloren gehen, wo sich viele unbekannte Wesen tummeln, die mir ihre Weisheit ins Ohr flüstern und mich mit einem herzhaften Lachen wieder zur Erde schicken, wo die Vielheit, die in mir lebt und mich ausmacht, ein klein wenig Glück, ein paar Tränen, jede Menge Unsinn und eine gute Portion Humor unter die Menschen bringt.
Die Bedingung eines guten Lebens für alle braucht einen radikalen, weltweiten Bewusstseinswandel und die Erkenntnis, dass wir ein lebensfeindliches System kreiert haben, das auf Versklavung und Ausbeutung von Menschen und lebensnotwendigen Ressourcen gründet. Symptombekämpfung in Form von Bankenrettung und halbherzigen Versuchen, die Zerstörung unserer Mitwelt mit kosmetischen Scheinoperationen zu übertünchen, sind verzweifelte, hilflose Versuche an einem gnadenlos profitorientierten, sich selbst zerstörenden, kurz vor dem Totalkollaps stehenden System festzuhalten. Deshalb ist es an der Zeit die Liebe für uns selbst und die Liebe zur Welt gleichermaßen zu kultivieren, denn für wirkliche Veränderung braucht es mehr als Gerechtigkeit, oder wie es Joanna Macy so treffend formuliert hat: „Der Ort des Wandels liegt in der Interaktion, im Austausch, in den Beziehungen zwischen den Individuen. Was wir also brauchen ist ein Quantensprung in unserer Fähigkeit miteinander in Beziehung zu treten, zu teilen und zu reagieren. In dem verstärkten Aufbau kooperativer Arbeits- und Lebensstrukturen – die wir dringend brauchen – geht es darum die eigenen Fähigkeiten und Stärken zu kultivieren und sie mit anderen zu teilen.
P.S. Die Bedingungen und Grundlagen des guten Lebens für alle befinden sich im Prozess und sind ständiger Transformation unterworfen, müssen von uns allen erträumt, erdacht, erkämpft und ohne ideologische Fixierung wieder losgelassen werden. (30. Mai 2010)
Barbara Kraus ist unterwegs in Sachen Kunst, Text, Inszenierung, Musik, Performance und Lehre.