Gutes Leben braucht Gerechtigkeit, persönliche Hilfen und gemeinsame Regeln

Von Elisabeth Hammer

 

Mein persönliches gutes Leben ist ganz klar auch eine Selbstverwirklichungsutopie. Ich möchte wachsen und Neues probieren können. Mein Leben prinzipiell auch anders leben zu können – diese Freiheit ist mir wichtig. Eingebunden ist diese Freiheit in soziale Beziehungen. In manche bin ich hineingewachsen, andere gestalte ich neu, in jedem Fall möchte ich mich aktiv dafür entscheiden, wo und in welchem Umfang ich Verantwortung für andere und für das Gemeinwesen trage. Mein Gutes Leben, auch und gerade als Selbstverwirklichungsutopie, lebt sich nicht alleine und voraussetzungslos. Damit es eine Option für alle sein kann, braucht es gewisse Grundlagen.

Gutes Leben braucht Gleichheit

Die reale Freiheit für Menschen, ihr Leben nach ihren berechtigten Wünschen und Vorstellungen zu gestalten, ist abhängig vom (unbedingten) Zugang aller zu gewissen Ressourcen, etwa zu materieller Existenzsicherung, zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Speziell aus der Perspektive von Frauen geht es beispielsweise auch um eine gleichere Verteilung von Zeitressourcen, damit nicht die ihnen gesellschaftlich zugewiesene Pflege-, Betreuungs- und Hausarbeit jegliche selbstbestimmte Gestaltung des eigenen Guten Lebens schon von vorneherein stark einschränkt. Ein gewisses Maß an Gleichheit ist damit wesentliche Vorbedingung für die realen Selbstbestimmungsmöglichkeiten aller.

Gutes Leben braucht persönliche Hilfen 

Eine Vision der selbstbestimmten Gestaltung des Lebens kann auch dann bestehen bleiben, wenn man seine eigene Bedürftigkeit anerkennt. Diese Bedürftigkeit erschöpft sich nicht in einer materiellen Absicherung, die ohne „Ansehen“ der Person gewährt werden kann, sondern braucht auch unmittelbare, persönliche Hilfestellungen für alltägliche und weniger alltägliche Krisen und Problemlagen. Dann, wenn der eigene Lebensplan aus dem Blick gerät, braucht man ein Gegenüber, das darin unterstützt, Ressourcen und Rechte ausfindig zu machen und diese optimal für die Gestaltung des eigenen Guten Lebens nutzen zu lernen. Drohungen, Sanktionen und Zwang, die sich als professionelle Hilfen tarnen und vermeintlich Gutes Leben vordefinieren, sind als Unterstützungsstruktur unangemessen.

Gutes Leben braucht gemeinsame Regeln

Damit Gutes Leben für alle möglich wird, braucht es politische Prozesse, in denen nicht automatisch die Stärkeren gewinnen, sondern marginalisierte Interessen nicht nur gehört werden, sondern ihre Artikulation und gegebenenfalls Kollektivierung auch speziell unterstützt wird. Es braucht einen Austausch auf gleicher Augenhöhe, der gegenseitige Verantwortlichkeiten institutionalisiert und trotzdem Freiheiten sichert – ohne auf Normalisierungen zu drängen.

Ohne Sozialstaatlichkeit ist dieses Gute Leben nicht zu haben. Mit gegenwärtiger Sozialstaatlichkeit ist es für ein richtig Gutes Leben allerdings noch lange nicht getan.

 

Elisabeth Hammer ist Lektorin am Studiengang Soziale Arbeit der FH Campus Wien tätig und ehrenamtlich im Aufsichtsrat des neunerHauses tätig. Außerdem ist sie Gründungsmitglied von KriSo (kritische soziale arbeit; www.kriso.at)

 

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