Von Johannes Jäger
Die Krise eröffnet Perspektiven: An neo-liberale Versprechungen vom unregulierten Finanzmarkt als Wohlstandsproduzenten und Ersatz für wohlfahrtsstaatliche Leistungen (Stichwort: privates Pensionssystem) glauben (fast) alle nicht mehr. Ebenso drastisch zeigt sich, dass der „freie Markt“ als das leitende Organisationsprinzip der europäischen Integration zu ruinösem Wettbewerb und damit in eine ökonomische Sackgasse führt. Nicht zu schweigen von den mit diesen Entwicklungen verbundenen Problemen für die Lebenswelt von (fast) allen: Ständig steigender Leistungsdruck am Arbeitsplatz, Präkarisierung von Beschäftigung und direkte Betroffenheit bzw. Bedrohung durch Arbeitslosigkeit in Österreich/Europa. Im globalen Süden sind die Bedingungen noch wesentlich dramatischer: Mehr als eine Milliarde Menschen hungern. Milliarden leben in Elend. Tendenz deutlich steigend. Gleichzeitig konzentriert sich enormer Reichtum in den Händen von Wenigen. Auch ökologisch zeitigt das aktuelle Wirtschaftsmodell, in dem Profit die Leitmaxime darstellt, katastrophale Auswirkungen (Stichwort: Klimaerwärmung, Erschöpfung der Rohstoffe). Die Zeit ist reif. Radikale Veränderungen für ein gutes Leben für alle tun not. Viele sehen das so.
Wie sieht das gute Leben aus?
Eine knappe Antwort wäre: Genau so nicht! Trotz postmoderner Vernebelung und neo-liberaler Ideologie ist für viele offensichtlich, was grundsätzlich erstrebenswert ist: Die Aufklärung lebt (bei aller Dialektik)! Sie findet sich auch in den Grün Alternativen Grundwerten: ökologisch, solidarisch (es ist mir wichtig, wie es anderen materiell geht), basisdemokratisch, selbstbestimmt (setzt ausreichende materielle Gleichheit voraus), feministisch und gewaltfrei. Diese Werte stellen einen wichtigen Bezugspunkt für ein gutes Leben für alle dar. Die Konkretisierung dieser Werte ist ein offener Prozess. Noch läuft jedoch die Entwicklung weitgehend in die falsche Richtung – weg vom guten Leben für alle. Warum? Weil unser Welt keine idealistische ist, d.h. Ideen allein die Welt nicht gestalten, sondern materielle Strukturen und damit verbundene Interessen, dass die Welt so bleibt wie sie ist, sind vielfach bestimmend. Diese sind im Wesentlichen durch kapitalistische Produktionsverhältnisse geprägt, welche Ideen und Werte wie Privateigentum (an Produktionsmitteln) und liberale Demokratie hervorbringen. Diese Vorstellungen stützen die Produktionsverhältnisse, die eine extreme Ungleichverteilung und damit verbundene Herrschaftsbeziehungen hervorbringen und versuchen diese zu legitimieren. Kapitalistische Produktionsverhältnisse tendieren zu einer Überausbeutung von Mensch und Umwelt bei gleichzeitiger Konzentration von Reichtum in den Händen einiger Weniger. Sie sind damit einem guten Leben für alle im Sinne obiger Werte abträglich. Dennoch sind im Laufe des 20. Jahrhunderts insbesondre in den heute als industrialisiert bezeichneten Ländern – aber auch in einigen Ländern des Südens – bei allen Widersprüchen, Ansätze für ein gutes bzw. zumindest besseres Leben für viele verwirklicht worden. Diese haben primär auf einer Einhegung kapitalistischer Produktionsverhältnisse im Rahmen materieller demokratischer Strukturen sowie wohlfahrtsstaatlicher Umverteilung und Bereitstellung von Ressourcen basiert. Eine Basis, von der wir noch heute zehren, da viele der geschaffenen Institutionen noch fortbestehen.
Wie war und ist die Durchsetzung eines besseren Lebens für viele möglich?
Der breiten Verbesserung der Lebensbedingungen gingen Ideen bzw. Ideale von einem besseren Leben seitens der subalternen Klassen voraus. Das Zusammenwirken von (Klassen)Bewusstseinsbildung, Organisierung und politischer Aktion war wesentlich. Nach der Krise des ersten Weltkriegs und insbesondere nach der Krise der 1930er Jahre, die im zweiten Weltkrieg mündete, war die historische Chance gekommen: Das kapitalistische System war geschwächt und delegitimiert, während im Osten Systemalternativen erprobt und viele Kolonien unabhängig wurden. Den am Systemerhalt interessierten KapitalistInnen konnten durch die politisch organisierte ArbeiterInnenschaft weitreichende Kompromisse abgerungen werden. Viele Aspekte des guten Lebens (ökologische, Gewaltfreiheit etc.) wurden jedoch nicht oder nur sehr beschränkt eingelöst. Mittlerweile sind im Zuge der Schwächung der subalternen Klassen viele Errungenschaften verloren gegangen. Das gute Leben scheint wieder weiter in die Ferne zu rücken.
Was tun?
Folgende zwei zentrale Schlussfolgerungen ergeben sich daraus: Erstens ist es möglich, dem guten Leben näher zu kommen, wenn viele gemeinsam daran arbeiten und einen langen Atem haben. Wenn auch mit erbitterten ideologischen und zum Teil gewaltförmigen Widerstand von Seite der wenigen Privilegierten, die um ihre überragende gesellschaftliche Position fürchten, zu rechnen ist. Die Verwirklichung des guten Lebens ist ein Generationen übergreifendes Projekt. Rückschläge sind zu erwarten. Krisen des Kapitalismus stellen einen wichtigen Katalysator dar und können Prozesse in Richtung gutes Leben dynamisieren. Gerade jetzt ist Engagement daher besonders wirksam. Zweitens ist eine Einhegung der kapitalistischen Produktionsweise ein wichtiger Schritt, der die Lebensbedingungen für viele deutlich verbessern kann. Dennoch kann dies nur eine Vorstufe zu einer grundlegenden Transformation des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems sein. Einen Anhaltspunkt, wie dieses aussehen könnte, liefert das analytisch stringente und mit obigen Werten in Einklang stehende Konzept von Participatory Economics (Parecon). Nur ein alternatives System kann eine substanzielle Annäherung – die immer eine bleiben wird – an das Ziel des guten Lebens für alle ermöglichen.
Johannes Jäger ist Fachhochschulprofessor für Volkswirtschaftslehre an der FH des BFI Wien