Gutes Leben oder Die Sehnsucht nach Heimat

Von Johannes Rauch

 

Gutes Leben für alle ist kein jenseitiger Wunsch, sondern reale Utopie, und zwar eine, die notwendiger ist denn je und radikal sein muss, weil es „Krisenzeiten gibt, in denen nur das Utopische realistisch ist!",  wie George Steiner sagt. 

Wer aber über die reale Ausgestaltung nachdenkt, wird bald erfassen, wie umfassend die Bedingungen dafür sind. Für mich gehören dazu die demokratische Verfasstheit eines Gemeinwesens, auf Basis der Menschenrechte und der Werte der Aufklärung, ebenso das Grundrecht auf ein selbstbestimmtes Leben bis hin zum Altern und Sterben in Würde. Und gutes Leben ist mehr als existieren mit einem „Existenzminimum“; es heißt Teilhabe und die Voraussetzung dafür ist nicht eine lächerliche „Mindestsicherung“, sondern soziale Gerechtigkeit in einer solidarischen Gesellschaft. Das wiederum setzt voraus, dass sich die Geschwindigkeit von Leben und Wirtschaften dem Menschen und der Natur anzupassen hat – nicht umgekehrt. Systemrelevant für ein gutes Leben sind weder Finanzmärkte noch Banken oder Hedgefonds, sondern die gerechte Verteilung von Arbeit, Vermögen und Einkommen und ein Umgang mit Ressourcen und der Welt, der – eigentlich  logisch – Grenzen des Wachstums akzeptiert.

Das hat, umgelegt auf die Ereignisse der jüngsten Zeit, ganz konkrete, europäische Konsequenzen. „Sozialunion vor Währungsunion!“ war die Devise der Grünen vor dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union. Die Währungsunion, auf Sand gebaut, haben wir, von der Sozialunion sind wir weiter entfernt denn je. IWF und EZB wollen uns weismachen, es seien die sozialstaatlichen Errungenschaften, die dem Euro weiche Knie machten und damit den aufrechten Gang Europas gefährden. Jene, die milliardenschwere Scherbenhaufen angerichtet haben, wollen uns sagen, wie das Zusammenkehren zu funktionieren hat.

Gutes Leben kann erst gedacht werden, wenn wir dazu unsere eigenen Köpfe wieder benützen, uns weder klein- noch dummreden lassen. Gutes Leben braucht, ja!, Beheimatung. Ein fast Vergessener hat es so formuliert:

„Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." (Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung)

Gutes Leben hieße für mich, das Bequeme aufzugeben, das Angepasste ebenso, das Pragmatische sowieso. Noch kann ich hin und wieder darüber nachdenken, ob ich mich dafür entscheiden soll, aber es bleibt eher ein Liebäugeln mit gemischten Gefühlen. Jüngst, rund um Griechenland und Folgende, schien mir, als könnte sich das rasch ändern.

Allein wäre ich damit dann nicht.

Schon das könnte der Beginn einer neuen Solidarität sein und die Wiedererringung einer Souveränität, die uns allen verloren gegangen ist.

 

Johannes Rauch ist Klubobmann der Grünen im Vorarlberger Landtag

 

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