Der Klimawandel
Ökonomisch und gesellschaftspolitisch betrachtet
„Der Klimawandel“ ist zweifellos das medial und politisch vorherrschende Thema des Jahres 2007 gewesen. Nicht umsonst wurde der Friedensnobelpreis in diesem Sinne vergeben.
PolitikerInnen, WissenschafterInnen und JournalistInnen sowie eine breite Öffentlichkeit diskutierten den Klimawandel – endlich!!!
Was der Club of Rome bereits vor Jahrzehnten sah und was Grüne Bewegungen und Öko-Initiativen in den 1980ern stark machte, hat später viel bewegt. Zahlreiche Umweltschutzinitiativen der ersten Jahre wurden gesetzlich umgesetzt und zum Mainstream im Bewusstsein der Menschen. So schien die Notwendigkeit von Umweltbewegungen bereits „Schnee von gestern“. Umweltprobleme galten großteils als gelöst. Der saure Regen, das war einmal, die Industrie hat – zumindest im Norden – auf sauberere Arbeitsmethoden umgestellt, wir trennen unseren Müll, Biolebensmittel gibt es bereits in fast jedem Supermarkt … viele Umwelt-NGOs, Initiativen und Grünparteien, die weiterhin auf problematische Entwicklungen hinwiesen, galten als radikal oder gar verschroben.
Mit den jüngsten nationalen und internationalen Studien, die alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen, hat sich das grundlegend verändert. Plötzlich wurde es wieder deutlich: wir haben ein großes Problem! Und es wird nicht leicht, es auch nur ansatzweise zu lösen.
Dass diese „ökologische“ Problematik ebenso zutiefst ökonomisch und sozial ist, davor werden noch gerne die Augen verschlossen. Dabei ist es so offensichtlich:
Vielen Regionen werden ihre ökonomischen Grundlagen wegbrechen. Wenn Gletscher schmelzen und der Schnee ausbleibt, bedeutet das etwa das Ende des Wintertourismus, von dem ein Teil Österreichs lebt. Die Tiroler Hotellerie und Gastronomie diskutiert dieses Thema mittlerweile ganz offen, während die Bundesregierung nachhinkt.
Auch die Verknappung fossiler Ressourcen („Peak Oil“) wird von niemandem mehr geleugnet. Die Energiepreise steigen schnell. Noch scheint ein Anstieg des Rohölpreises auf knapp unter 100 Dollar die ÖsterreicherInnen nicht zu schrecken, macht der Rohölpreis doch nur einen Bruchteil der Benzin- und Heizölpreise aus. Doch die rasant zunehmenden Heizkosten werden zur finanziellen Herausforderung für viele Haushalte.
Dabei steigt der Bedarf an Energie ständig, vor allem in Asien, wo eine boomende Wirtschaft und steigender Konsum den Ressourcenverbrauch (und damit wiederum den CO2-Ausstoß) ankurbeln. Die Klimaerwärmung scheint unaufhaltbar. Selbst optimistischere Studien gehen von einer Erwärmung um etwa 4 bis 6 Grad aus – die sozialen Folgen sind unabsehbar.
Wen treffen höhere Treibstoff- und Energiekosten? Diejenigen, die ohnehin finanziell benachteiligt sind. Ein PKW, für viele Haushalte für den Weg zur Arbeit unerlässlich, verschlingt mittlerweile 25% und mehr des Haushaltseinkommens. Und wie geht es MindestpensionistInnen in diesem Winter mit einer Ölheizung? Auch der Strompreis wird – so nicht auf erneuerbare Energie umgestiegen wird – steigen. BürgerInnen müssen dabei stets doppelt zahlen: für den eigenen Verbrauch und für höhere Preise der Konsumgüter.
Auf wessen Kosten versuchen die wachsenden Volkswirtschaften in der Welt ihren Energiebedarf zu decken? Auf Kosten jener Gegenden, die noch über Ressourcen verfügen. Und diese Ressourcen heißen seit einiger Zeit nicht mehr nur Erdöl und Erdgas, sondern landwirtschaftliche Flächen, die nicht mehr für Lebensmittel, sondern für Agrosprit verwendet werden.
Die Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln sind auf diese Entwicklung zurückzuführen. Diese trifft alle ärmeren Schichten – global. Der wachsende Energiebedarf verstärkt mittlerweile ganz direkt den Hunger in der Welt.
Und wen treffen die zunehmenden Naturkatastrophen vor allem? Auch hier sind die ärmsten Menschen und Regionen am heftigsten betroffen. Die x-te Flut oder Dürre wird mittlerweile kaum mehr registriert, ist bloß ein kurzfristiges Tagesthema in den Medien.
In all diesen Fällen treffen die Folgen des Klimawandels den ärmeren Teil der Weltbevölkerung weit mehr als den reicheren – und nur selten die VerursacherInnen. Es ist abzusehen, dass die Ressourcenknappheit und der fortschreitende Klimawandel die sozialen Gegensätze global und regional weiter verschärfen werden.
Drei Dimensionen des menschlichen Wirtschaftens spielen eine wesentliche Rolle:
Stoffwechsel
Wie jedes einzelne Lebewesen bedarf die Wirtschaft eines stofflichen Inputs und produziert – neben den verwertbaren Gütern – einen Output, der als „Abfall“ anfällt. Beim CO2-Ausstoß wird das besonders deutlich:
25% des Inputs besteht aus fossiler Energie, 25% besteht aus Biomasse, die restlichen 50% sind sonstige Materialien.
75% des Outputs besteht aus CO2 – CO2 ist also tatsächlich unser weitaus größtes Umweltproblem.
Wohlstand
Darunter ist das Erwirtschaftete zu verstehen, der zu verteilende Reichtum.
Lebensqualität
Das, was für jede/n Einzelne/n persönlich aus diesem Prozess abfällt. Wie geht es jeder/m Einzelnen? Trägt das, was geschieht, zum persönlichen Auskommen, Wohlbefinden, Glück bei?
Zwischen diesen drei Komponenten gibt es drei Querverbindungen und eine zentrale, alles überlagernde Frage.
Die drei Querverbindungen:
Zwischen Wohlstand und Stoffwechsel:
Die Effizienzkritik
Hier stellt sich zunächst die technische Frage: Müssen wir soviel CO2 produzieren, um diese Menge an Wohlstand zu schaffen? Diese Frage haben die Grünen und die Grüne Bildungswerkstatt schon umfassend – und negativ – beantwortetet und bereits technische Lösungen für viele Bereiche des Systems präsentiert.
Die Frage, inwieweit wir Wachstum auch ohne größeren Ressourcenverbrauch, etwa mit geistigem oder emotionalem Input (d.h. im Dienstleistungsbereich), dauerhaft schaffen können, ist hingegen noch nicht beantwortet. Ebenso wenig die Frage, inwieweit Wachstum in einer entwickelten Industriegesellschaft überhaupt dauerhaft notwendig ist.
An diesen Punkt stellt sich auch die zentrale Frage nach der Organisation der Wirtschaftsstruktur und den herrschenden Machtverhältnissen. Was kann der Markt regulieren? Wo versagt er? Wie sind die Chancen unter den MarktteilnehmerInnen verteilt? Was sind öffentliche Güter? Wie wird der Zugang zu öffentlichen Gütern organisiert?
Zwischen Wohlstand und Lebensqualität:
Die Wohlfahrtskritik
Unter diesem Titel ist die gesamte Verteilungsfrage zu subsumieren:
Es geht um Einkommen, Vermögen, Arbeitsbelastung, Zeitressourcen, aber auch Wissen und Macht. Wer profitiert vom erwirtschafteten Kuchen?
Für einen Gutteil der Weltbevölkerung in allen Teilen der Welt geht es primär um Existenzsicherung.
Und die Aufstiegsmöglichkeiten im wirtschaftlichen Geschehen? Diese ist vom Zugang zu Bildung und Wissen bestimmt. Ebenfalls ein wichtiger Faktor der Verteilungsgerechtigkeit ist die Aufteilung der (in der Regel nicht bezahlten) Versorgungsarbeit. Aber auch freie Zeit stellt eine immer wichtiger werdende Ressource dar und ist höchst ungleich verteilt. Geld und Zeit verhalten sich in Zeiten von „working poor“ und Kapitalerträgen nicht mehr unbedingt reziprok zueinander.
Zwischen Lebensqualität und Stoffwechsel
Die Konsumkritik
Hier stehen Lebensstile und privater Ressourcenverbrauch im Vordergrund, ein kritisches Hinterfragen unseres Konsumverhaltens aber auch die direkte negative Rückwirkung, die die Belastung der Umwelt durch den wirtschaftlichen Stoffwechsel auf die Lebensqualität ausübt.
Es geht auch hier wieder um eine wichtige Verteilungsfrage: Wer verursacht den Klimawandel und wer trägt die persönlichen Beeinträchtigungen und gesundheitlichen Belastungen, die dadurch entstehen?
Die zentrale, sich daraus ergebende Frage:
Über all diese Themenbereiche hinweg stellt sich die zentrale Frage nach der Lösungskapazität der Politik: Wie und in welchen Bereichen muss das System reguliert werden? Wie wird diese Regulierung organisiert? Wer kann diese Regulierung wie beeinflussen? Wie steht es mit der Teilhabe der/des Einzelnen an der politischen Macht? Welche Rolle spielen internationale Organisationen bei der Lösung eines Problems, das ein globales ist? Wie funktionieren letztere heute und wie könnten sie anders gestaltet werden? Welche Probleme ergeben sich aus der Notwendigkeit der Zusammenarbeit von unterschiedlichen politischen Systemen? Welche Konfliktpotentiale entstehen aus dem schärfer werdenden Kampf um knappe Ressourcen?
Es drängt sich die Vermutung auf, dass über die eingefahrenen Bahnen des Systems hinausgehende Lösungsansätze notwendig sind, wenn wir ein Problem lösen wollen, welches das System selbst produziert. Es wird nicht damit getan sein, rein technische Lösungen zu suchen. Das System selbst muss hinterfragt werden. Ganz im Sinne des Logos der GBW ist zu vermuten, dass nur ein zumindest teilweises Überschreiten der Systemlogik den Blick für die Lösung freimacht.
Wohin der Weg genau gehen soll, ist noch nicht ganz klar. Aber sonst bräuchten wir ja auch keinen Diskussionsprozess!