Eine kurze Geschichte vom guten Leben
von Franz Klug
Während einerseits die Antike auf Grund ihres kulturellen Reichtums und der Grundlegung unserer abendländischen Philosophie bei Sokrates, Platon und Aristoteles schätzenswert ist, ärgert andererseits die Ignoranz dieser Philosophen gegenüber der politischen Stellung von Frauen und Sklaven. Für den Philosophen Aristoteles war, wie für die gesamte Philosophie seiner Zeit, der Ausschluss von Frauen und Sklaven aus der Politik normal. Da diese Menschen keine politischen Rechte hatten, herrschten in Griechenland immer kleine Minderheiten über Mehrheiten und es gab keine Demokratie in unserem heutigen Sinne, in der alle Staatsbürger und Staatsbürgerinnen das Wahlrecht haben. Die Problematik, wer das Wahlvolk ist, z. B. ob auch Ausländer wählen dürfen, beschäftigt nicht nur heute, sondern auch schon damals die politische Diskussion.
Unabhängig von dieser Problematik gab es eine Diskussion über das gute Leben für Alle.
Bereits Aristoteles stellte Überlegungen an, was der Staat tun müsste, damit seine Bürger ein gutes menschliches Leben führen können. Aristoteles stellt bereits die Forderung auf: „Kein Bürger darf an Lebensunterhalt Mangel leiden“ und vertritt damit bereits eine Forderung nach einem Grundeinkommen. Für Aristoteles, der zwischen Privatbesitz und Gemeinbesitz unterscheidet, war der Gemeinbesitz, wie später für die Sozialisten, wichtiger als der Privatbesitz. Bei der Zuweisung von Land in Privatbesitz verlangt er eine Teilung, so dass ein Teil des Landes Gemeinbesitz ist. Aristoteles plädierte dafür, dass die Hälfte des Grundes und Bodens Gemeineigentum ist. Mit der einen Hälfte des Ertrages aus diesem Gemeineigentum sollen die Kosten öffentlicher Veranstaltungen bestritten werden, die andere Hälfte soll allen Bürgen die Teilnahme an den gemeinsamen Mahlzeiten ermöglichen. Diese Idee, dass die Grundzuteilung ein Akt der Gemeinschaft ist und es daher auch gegenüber der Gemeinschaft eine Verpflichtung gibt, wird in Südtirol modern umgesetzt. Damit in Südtirol alle die Möglichkeit haben, erschwinglichen Wohnraum zu bekommen, wird bei Umwidmungen ein Teil des Grundes für den geförderten Wohnbau bereitgestellt. Und bereits Aristoteles erkennt, dass gutes Wasser und gesunde Luft Ressourcen sind, die eine wichtige Bedeutung für ein gutes Leben haben und daher der Staat darauf achten muss, dass diese gutes Wasser und gute Luft auch für alle Bürger verfügbar sind.
Die US-amerikanische Philosophin Martha. C. Nussbaum versucht mit Hilfe von Aristoteles ihre Konzeption eines guten Lebens, Unversalien für ein gutes Leben für Alle, zu bestimmen. Sie knüpft einen Bogen von der Postmoderne, der Gegenwart, in die Antike und entdeckte bei Aristoteles einen aristotelischen Sozialdemokratismus. Wenn man die politischen Forderungen von Aristoteles auf alle Menschen erweitert, dann hat man eine gute Basis für eine Minimaltheorie des guten Lebens. Für Martha C. Nussbaum müssen für ein gutes Leben für Alle mehrere Grundfähigkeiten vorhanden sein. Neben der Abdeckung der Grundbedürfnisse des eigenen Körpers nach Ernährung, Behausung, freier Bewegung, Sexualität und der Fähigkeit unterschiedliche soziale Bindungen einzugehen, sind für sie auch noch die Fähigkeiten Schmerz zu vermeiden und Freude zu genießen wichtig. Der pflegliche Umgang mit den Menschen sollte auf Tiere und Pflanzen ausgeweitet und der eigene Verstand für eine reflexiven Umgang mit dem eigenen Leben genutzt werden.
Nach Aristoteles und Martha C. Nussbaum nun zu einem Menschen, der in einer Zeit für ein gutes Leben für alle kämpfte, in welcher ein gutes Leben mehrheitlich nur für den Adel und das Bürgertum reserviert war. Dieser Mensch war William Morris. William Morris lebte im England des 19. Jahrhundert. Er war Künstler, Kunsthandwerker, Schriftsteller und begeisternder Anhänger eines freiheitlichen Sozialismus. Er war ein Vordenker der Arts und Craft Bewegung des englischen Jugendstils und gründete seine eigene Kunsthandwerkswerkfirma, um seine Ideen auch praktisch umzusetzen. Er entwarf eigene Muster für Tapeten und Fliesen und entwickelte auch ein eigenes Möbeldesign.
1883 schloss er sich der sozialistischen Bewegung an und hielt begeisternd Reden zur Revolution von Kunst und Gesellschaft. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner damaligen sozialistischen Kollegen sah er bereits die Schattenseiten der Industrialisierung, die immense Verschmutzung der Luft und des Wassers und das eindimensionale Zurichten der Menschen als stumpfsinnige Hilfskräfte von Maschinenwelten. Morris sah das damalige Elend der Arbeiter und die Hässlichkeit der Wohnungen und Viertel, in denen sie leben mussten. Und dagegen schrieb, arbeitete und kämpfte er an. Rückblickend auf sein Leben zeigt sich, dass für William Morris das gute Leben in einer Einheit von Kunst, Sozialismus und Ökologie stand. Nun in die Gegenwart zu Frigga Haug, Michel Foucault und Wilhelm Schmid.
Frigga Haug, die große deutschen linke Soziologin und Feministin, treibt schon lange die Frage um, wie ein gutes Leben gelingen kann, ohne dass man sich zu sehr auf einen Lebensbereich beschränkt. Für Frigga Haug ist ein gutes Leben, ein Leben, in dem der Beruf mit der Hausarbeit und mit der politischen Arbeit, der Arbeit für das Gemeinwesen und der Arbeit an der eigenen individuellen Entwicklung gelungen verknüpft sind. Unser Leben wird bewusst oder unbewusst strukturiert von der Beantwortung der Fragen: Woher bekomme ich mein Einkommen, wie schaut meine Familiensituation aus, wie viele Arbeit investiere ich in das Gemeinwesen, die Veränderung oder Bewahrung von politischen Verhältnissen und wie viel Zeit habe ich für die Arbeit an der Verfeinerung meiner Sinne? Frigga Haug plädiert dafür, eine gerechte Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesenarbeit und der persönlichen Entwicklung anzustreben. Wir sollten in unserer Lebenspraxis diese vier Bereiche viel bewusster als bisher verknüpfen, um dann lustvoll genießend ein gutes Leben zu leben. Sie nennt dieses, ihr Projekt, die „vier in einem Perspektive“.
Michel Foucault, der zuerst der Frage nachgegangen ist, wie strukturell die Ordnung der Dinge den Menschen bestimmt, machte dann im Spätwerk eine Wendung zum Subjekt, zum Menschen und stellte sich die Frage: Wie werden wir zu Subjekten? Er untersucht, wie in der Antike die Menschen Techniken entwickelt haben, um sich selbst zu konstituieren. Er stellte hier eine Verschiebung fest. Während im vierten Jahrhundert vor Christus die Lebenskunst darin bestand, Sorge für die Stadt und seine Gefährten zu übernehmen, lag bei Seneca das Problem darin, sich um sich selbst zu sorgen. Für die Gegenwart, für uns, stellt sich nach Foucault die spannende Frage: „Warum sollte ein Möbel, eine Lampe oder ein Haus ein Kunstgegenstand sein und mein eigenes Leben nicht? Warum solle nicht jeder einzelne aus seinem Leben ein Kunstwerk machen können?“
In Anschluss an Epikur und Foucault hat Wilhelm Schmid ein umfangreiches Werk über das gute Leben, über Lebenskunst vorgelegt. Er schlägt vor, mit sich selbst befreundet zu sein und plädiert für eine ökologische Lebenskunst. Was ist nun Ökologische Lebenskunst? Als Imperativ einer ökologischen Lebenskunst, als eine selbst gewählte Regel einer ökologischen Lebenskunst, schlägt Wilhelm Schmid vor: „Handle so, dass du die Grundlagen deiner eigenen Existenz nicht ruinierst“. Ökologische Lebenskunst heißt, dass wir klug einen ökologischen Lebensstil verknüpfen mit der Umwelt, in der wir leben. Diese kluge Verknüpfung beinhaltet nicht nur die Sorge um den eigenen Körper, das Haus, in dem wir wohnen, die eigene Region und die Gesellschaft, in der wir leben, sondern sie weiß auch um unsere Weltbürgerschaft, um unsere beginnende Verantwortung für den ganzen Planeten und streitet politisch für eine ökosoziale Politik.
Ein gutes Leben für Alle braucht staatliche Rahmenbedingungen, welche die Grundlagen eines guten Lebens - gute Luft, reines Wasser, gesunde Böden und ein Grundeinkommen für Alle - bereitstellt und eine ökologische Lebenskunst. Eine Lebenskunst, die sich nicht nur auf die Frage des Natur- und Umweltschutzes beschränkt, sondern welche die soziale Frage und die politische Gestaltungsfrage immer mitberücksichtigt und auch die eigene Person, unser eigenes Leben, wesentlich stärker als bisher auf einen ökologischen Lebensstil verpflichtet.
Ökologische Lebenskunst ist die gelungene Verknüpfung von Liebes-, Freundschafts-, Politik- und Arbeitsverhältnissen mit dem sorgfältigen Umgang mit der Natur und wird getragen von dem Willen nach einem guten Leben für Alle und einem begeisternden kritischen Denken über die Welt und das eigene Leben.