Beschafft das gute Leben!

Von Elisabeth Schinzel

Kann man anderen ein gutes Leben ermöglichen in dem man/frau eine kritische Kaufentscheidung trifft? Ja, unter Umständen. Wenn Kleinbauernfamilien in Mexiko ein fairen Preis für ihren Kaffee bekommen oder Näherinnen in einer Fabrik in Bangladesch einen menschenwürdigen Lohn, dann ist das immerhin ein Schritt in die richtige Richtung.                               

Fühlen wir uns besser, kommen wir dem „guten Leben“ einen Schritt näher, wenn wir fairen Kaffee trinken und ein T-Shirt von einem Markenunternehmen tragen, das sich zumindest ein wenig seiner sozialen Verantwortung bewusst ist? Kann sein. Es ist ja nicht verwerflich uns gut zu fühlen, wenn wir Gutes tun.

Wo liegt aber die eigentliche Verantwortung dafür Handelsbeziehungen und Arbeitsbedingungen weltweit zu verbessern? Einerseits sollen Unternehmen, nicht nur beim Verkauf ihrer Waren das „gute Leben“ mitvermarkten, sondern auch in ihren Zulieferbetrieben auf faire Arbeitsbedingungen achten. Andererseits liegt die Verantwortung bei Politik und Verwaltung, die durch Gesetze und Handlungen Menschen- und Arbeitsrechten Gewicht verleihen können.  

Was ist sozial faire Beschaffung?

Wenn wir kritische Konsumentscheidungen und Politik bzw. Verwaltung verbinden, entsteht ein Hebel für ein besseres Leben für ArbeiterInnen in Billiglohnländern.

Bund, Länder und Gemeinden geben in Österreich jährlich etwa 40 Milliarden Euro für öffentliche Güter und Dienstleistungen aus. Die Herstellung einiger dieser Produkte wie Arbeitsbekleidung, Computer, Blumen, Kaffee und Spielzeug erfolgt meist unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern. Die Verwendung hochgiftiger Chemikalien und Pestizide führt zu gesundheitlichen Problemen der Beschäftigten und Umweltschäden.

Was passiert, wenn große und einflussreiche Institutionen ihre Kaufkraft und ihren Gestaltungswillen in die Waagschale werfen?

Berücksichtigt die öffentliche Hand soziale und ökologische Kriterien beim Einkauf, kann sie als Vorbild für Unternehmen und KonsumentInnen dienen und aktiv zur Armutsminderung, einer lebenswerteren Umwelt und besseren Arbeitsbedingungen weltweit beitragen.

Ein sehr anschauliches Beispiel ist der Fall einer großen Wiener Bäckereikette, deren großes Angebot an Bio-Produkten der Stadt Wien zu verdanken ist. Sie hat in ihren Ausschreibungen für diverse Betreuungseinrichtungen verstärkt ökologisch produzierten Backwaren nachgefragt, die Anbieter richteten sich danach.

Was machen andere Städte in Europa?

Die Stadt Madrid kauft Zucker, Kaffee, Kakao, Schokolade und Tee in FAIRTRADE-Qualität. In der Stadt Rom werden öffentliche Schulen einmal pro Woche mit 290 000 Bio-FAIRTRADE-Bananen beliefert. Rom ist „FAIRTRADE-Town“, ebenso wie London, Brüssel, San Francisco - und auch Graz gehört seit 30.9.2010 dazu. In Österreich gibt es insgesamt 43 FAIRTRADE-Gemeinden und zwei Wiener FAIRTRADE-Bezirke. Das aktuelle Regierungsübereinkommen der Stadt Wien spricht sich dezidiert für eine sozial faire Beschaffung aus. Auch in Ministerien und Amtsstuben werden zunehmend  Produkte aus dem Fairen Handel verwendet.

Jenseits von Kaffee, Tee, Orangensaft und Blumen gibt es aber noch viele andere Produkte, die von der öffentlichen Hand eingekauft werden und zumindest unter Verdacht stehen unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen hergestellt worden zu sein. Wer nähte die Anzüge der  Herren in Knallorange, wer die Schutzanzüge der Feuerwehr, was trägt die Ärztin im Krankenhaus oder der Gärtner im Stadtpark? Woher kommen die Steine auf Straßen, Plätzen und Fassaden und, wer hat sie verarbeitet? Trieb die Herstellung des Computers im Büro der BeamtInnen die Arbeiterinnen am Fließband in China in Verzweiflung?

Die gute Nachricht ist: Auch Produkte, von denen es keine FAIRTRADE-Alternative gibt, können unter sozialen Kriterien eingekauft werden.  Im Ruhrgebiet wurde zum Beispiel die Initiative „Faire Kulturhauptstadt Ruhr 2010“ ins Leben gerufen. 40 von 53 Gemeinden im Ruhrgebiet bekennen sich zu einer fairen Beschaffung ohne ausbeuterische Kinderarbeit. In Belgien beschaffen 60 Städte nach sozialen und ökologischen Kriterien. In Schweden haben 14 von 21 Verwaltungsbezirken ethische Forderungen in die Ausschreibungen ihrer Spitäler miteinbezogen. In Frankreich haben sich über 250 Städte zum "ethischen" Einkauf verpflichtet. Die Stadt Barcelona nimmt soziale Kriterien in Ausschreibungen für Arbeitsbekleidung auf. Das Berliner Abgeordnetenhaus hat soziale und ökologische Kriterien in das novellierte Vergabegesetz für öffentliche Aufträge der Hauptstadt implementiert und auch Oberösterreich ist auf gutem Weg soziale Kriterien in Ausschreibungen des Landes zu integrieren.

Diese Beispiele aus Österreich und Europa zeigen: Politik und Nichtregierungsorganisationen können  gemeinsam zu einem besseren Leben von Millionen ArbeiterInnen beitragen.

Eine sozial faire Beschaffung ist möglich! Die ersten Schritte sind bereits gemacht.

Elisabeth Schinzel ist Leiterin der Schwerpunktarbeit zu Sozial fairer Beschaffung bei der entwicklungspolitischen Organisation Südwind

Weiterführende Informationen: www.fairebeschaffung.at

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