Wie in einem von der GBW gemeinsam mit dem SORA -Institut im Jänner 2004 veranstalteten Workshop festgestellt, wird sich die Gesellschaft auf Grund demografischer Verschiebungen (auf die aber wieder die Migrationsentwicklung Einfluss hat), aber auch in Folge der Technologieentwicklung und der Globalisierung der Wirtschaft, in Zukunft massiv verändern. All das wird Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und damit auf die Herausforderungen für das Bildungssystem haben. Ebenso interessant ist die Frage, wie sich das Wertesystem der Gesellschaft verändern und, damit verbunden, kulturelle Entwicklungen gestalten werden.
Die Zukunftsperspektive – wie sieht die Welt in 10 oder 20 Jahren aus – ermöglicht einen nachhaltigen Blick auf diese Entwicklungen, der der Tagespolitik in der Regel fremd ist.
In der Regel handelt die herrschende Politik reaktiv im Bezug auf derartige Prozesse. Vor allem ökonomischen Prozessen wird eine Art „Naturgesetzlichkeit“ zuerkannt. Und tatsächlich wird es immer schwieriger im supranationalen und globalen Zusammenhang politische Gestaltungsräume auf nationaler und lokaler Ebene zu erkennen.
Aufgabe politischer Bildung ist es, einerseits diese lokalen und nationalen Gestaltungsräume aufzuspüren, aber auch das Bewusstsein für die Gestaltungsräume auf der supranationalen Ebene, das heißt vor allem in der EU, zu stärken. Andrerseits gilt es auch das ökonomische System zu hinterfragen und nach Systemalternativen zu suchen.
Ein wichtiger Punkt ist überhaupt der Stellenwert der Politik, insbesondere der politischen Einflussnahme auf das ökonomische System. Der Trend zur Zeit deutet auf einen starken Druck in Richtung Zurücknahme des politischen Einflusses auf die Ökonomie hin, beziehungsweise darauf, dass sich zwar die politischen Eliten ihren Einfluss sichern, dieser aber der demokratischen Kontrolle immer mehr entzogen wird. Ist dieser Trend nachhaltig? Ist er förderlich? Wie stark und einflussreich sind gegenläufige Bewegungen, wie die der GlobalisierungskritikerInnen?
Wir wollen uns die prognostizierten Zukunftstrends zuerst analytisch anschauen und dann Antworten im Sinne politisch machbaren Handelns entwickeln. Diese Antworten müssen natürlich in enger Verbindung mit dem Grünen Programm stehen.
Das heißt:
Welche unterschiedlichen Zukunftsprognosen gibt es und wie bewerten wir diese?
Wer setzt diese Trends mit welchem Interesse?
Wie sind sie politisch beeinflussbar?
Wie sind sie in Richtung der Grünen Grundwerte gestaltbar?
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird unter dem Begriff „Wirtschaft“ nur der Bereich der Unternehmen, und meist nur der Großunternehmen und internationalen Konzerne, verstanden, was einer Verengung des Begriffes gleichkommt. Wie Ökonomie funktioniert, ist wesentlich von politischen Rahmenbedingungen abhängig, die daher grundsätzlich auch politisch gestaltbar sind. Daher ist es notwendig das Verhältnis von Politik und Ökonomie näher zu untersuchen.
Wirtschaft ist aber auch wesentlich von den Bedingungen der sogenannten gesellschaftlichen Reproduktion abhängig: Die Wirtschaft braucht Menschen, die arbeiten, die konsumieren, diese müssen geboren, erzogen und am Ende ihres Lebens versorgt und gepflegt werden. Die zeitliche und finanzielle Verteilung zwischen der Reproduktionsarbeit und der Teilnahme am wirtschaftlichen Leben gehören zu den wichtigsten Gestaltungsfragen der Zukunft.
Aber auch ganz konkret: Das Zeitalter der industriellen Wirtschaft ist für Österreich wahrscheinlich vorbei, industrielle Arbeitsplätze wandern in Billiglohnländer ab. Ist die Entwicklung des Dienstleistungssektors wirklich im Stande diesem Trend in einer für den Arbeitsmarkt positiven Weise entgegenzuwirken? In welche Richtung steuert der Standort Österreich? Welche Standortfaktoren sind für eine positive wirtschaftliche Entwicklung wirklich von Bedeutung?
Eines ist klar – egal aus welcher Bildungsschicht, die Nutzung der neuen Technologien ist für die Jugend in der Regel kein Problem, schon deshalb weil die Schule und/oder der Freundeskreis die Nutzung dieser Technologien praktisch flächendeckend möglich macht. Ob sich nicht später trotzdem ein „digital divide“ auftut, je nachdem, ob Menschen die Möglichkeit haben ihre Fähigkeiten im Beruf weiterzuentwickeln und die neuen Technologien auch privat zu nutzen, gilt es zu untersuchen.
Neue Technologien bieten ohne Frage ungeheure Entwicklungschancen in Richtung Ressourcenschonung und Umweltschutz, aber auch im Bereich der Überwindung von Informationsdefiziten- und Barrieren, sowie auch für die wirtschaftliche Entwicklung.
Aber was passiert mit den vielen „neuen Alten?“. Welche demokratiepolitisch und gesellschaftspolitisch brisanten Barrieren ergeben sich aus der zunehmend per Internet agierenden Politik und Gesellschaft für die zunehmend stärker werdende Generation der 60 – 100 jährigen? Wie werden sich diese neuen Technologien weiterentwickeln? Welche Barrieren am Arbeitsmarkt ergeben sich für Menschen, deren Berufe von technologischen Entwicklungen weggefegt werden? Die fortschreitende technologische Entwicklung schafft Unterschiede und stellt z.T. Grund- und Menschenrechten in Frage. Wie kann die in der Regel langsam agierende Politik die rasante technologische Entwicklung mit rechtlichen Rahmenbedingungen sinnvoll begleiten?
Auch Wissenschaft und Forschung unterliegen zurzeit einem massiven Wandlungsprozess: Die Wissenschaft wird, weil der Staat nicht genug Mittel zur Verfügung stellt, immer abhängiger von Forschungsaufträgen aus der Wirtschaft. Die Möglichkeiten für junge ForscherInnen werden durch Sparmaßnahmen an den Universitäten beschränkt. Eine ausreichende Forschungstätigkeit abseits der ökonomischen Zwänge ist aber unbedingte Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Gesellschaft.
Auch ethische Fragen im Bezug auf die Wissenschaftsentwicklung gilt es zu diskutieren: Wohin führt uns z.B. die genetische Forschung? Welche politischen Regelungen brauchen wir?
Noch heuer soll mit Mitarbeit der GBW ein bildungspolitisches Programm entstehen. Dieses wird breit zu diskutieren und mit konkreten Umsetzungsvorschlägen zu untermauern sein. Demokratische BürgerInnenschaft hat als Voraussetzung ein Bildungssystem, dass nicht ausschließlich der Wissensvermittlung und Steigerung der ökonomischen Verwertbarkeit von Menschen dient, sondern braucht eine Bildung, die Persönlichkeit, Mündigkeit, Selbstständigkeit und vernetztes Denken in den Mittelpunkt stellt. Bildung wird in Zeiten sich ständig verändernder technischer und ökonomischer Voraussetzungen für alle Lebensphasen immer wichtiger: Daher gilt es nicht nur klassische Fragen der Schulbildung zu diskutieren, sondern auch Fragen der Berufsausbildung und der lebensbegleitenden Weiterbildung. Für die lebensbegleitende Weiterbildung sind auch entsprechende Rahmenbedingungen notwendig, wie die Förderung der Finanzierung von Weiterbildung durch Betriebe, Bildungskarenzmodelle u.ä.
Welche Auswirkungen hat die aufgrund der rasant fortschreitenden technologischen Entwicklung immer kürzere Halbwertszeit des Wissens? „Soft-Skills“ sind gefragt, weil Fachwissen immer schneller überholt ist.
Wie muss vor diesem Hintergrund Schule und Bildung aussehen? Schon der Kindergarten sollte als Bildungsinstanz anerkannt werden. Auf dem beruflichen Feld müssen flexible und sozial verträgliche Möglichkeiten des Umsteigens eröffnet werden.
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und mögliche Beeinflussungsfaktoren durch die Politik sollen ebenfalls Untersuchungsgegenstand des Schwerpunktes sein: Welche Auswirkungen hat die Tertiärisierung der Wirtschaft auf die Wertigkeit des Dienstleistungsbereiches? Was hat das für Auswirkungen auf die Frauenerwerbsquote und die Bezahlung? Welche Auswirkungen hat das zunehmende Altern unserer Gesellschaft auf Arbeitsmarkt und Sozialleistungen?
Um die problematischen Auswirkungen der immer mehr werdenden prekären Arbeitsverhältnisse abzufedern sind eine rechtliche Absicherung im Arbeitsbereich und eine Grundsicherung nötig. Die These von der Nichtfinanzierbarkeit unserer Sozialsysteme muss hinterfragt und durch neue Konzepte entkräftet werden.
Sozialer Wandel vollzieht sich in drei Bereichen: Im sozioökonomischen, im politischen und im soziokulturellen. Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit es Wertewandel überhaupt gibt und wie weit er von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängt:
Die bürgerliche Mittelschicht – seit 1848 im Grunde Trägerin der anerkannten gesellschaftlichen Werte – erodiert zunehmend wirtschaftlich in Richtung AufsteigerInnen und VerliererInnen. Wer generiert in Zukunft die gesellschaftlichen Normen?
Es sind weltweit durchaus gegenläufige Bewegungen wahrzunehmen: Während die Bedeutung der Religion als gesamtgesellschaftliche und institutionalisierte Kraft im klassischen Sinne in Europa sinkt, steigt ihre Bedeutung in den USA und in anderen Ländern auf einer durchaus mehrheitsbildenden Basis - als „Fundamentalismus“ stark, egal, ob islamischer, christlicher oder sonstiger Prägung.
Globalisierung und weltweite Kommunikation verwischen nationale, aber nicht weltanschauliche Grenzen: Neonazis und Globalisierungsgegner, das IFB und Islamistische Terrorgruppen benützen die gleichen Medien und Kommunikationsformen weltweit. Es entstehen weltweit „Comunities“, die sich bei ihrer Tätigkeits- und Machtentwicklung um klassische Spielregeln der Demokratie wenig kümmern.
Noch spielen die Massenmedien, deren Konzentration ständig zunimmt, eine entscheidende Rolle im politischen Prozess, ob das auch in Zukunft so bleibt und wie sich ihre Rolle entwickelt, wird zu hinterfragen sein.
Ein weiterer wichtiger Ausgangspunkt ist die Geschlechterfrage: Wird in 20 Jahren dem Gendermainstreaming Rechnung getragen worden sein?. Wer wird in zwanzig Jahren die Betreuungsarbeit, die sich noch dazu massiv von der Kinderbetreuung auf die Altenpflege verschoben haben wird, verrichten? Gerechte Lösungen zwischen Frau und Mann, aber auch zwischen Menschen mit und ohne Betreuungspflichten müssen gesucht werden.
Auch der Wert von „Alt und Jung“ in der Gesellschaft wird sich durch die demografischen Entwicklungen verändern. Alt kann nicht länger jemand ab 40 sein, wenn das Gros der Gesellschaft älter ist. Wie kann sich die Jugend in einer alternden Gesellschaft ihren notwendigen Platz erobern? Steigt der Wert des Alters oder kommt es zu einem noch stärkeren Jugendkult? Wie wird die Jugend heute politisch geprägt, wie ist sie eingestellt und was sind die Auswirkungen auf ihr politisches Verhalten in zwanzig Jahren?
Einem extremen Wandel ist die kulturelle Produktion der Menschheit unterworfen: Es verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Ökonomie und Kultur, zwischen den einzelnen Sparten der Kulturaktivitäten, zwischen Tourismus und Kultur, und zwischen Kunst und Kultur. Wie wird es möglich sein, zu verhindern, dass es zu einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche und damit auch der Kultur kommt? „Freie Kunst“ hat kaum mehr Spielraum. Wie dieser wieder zu erobern ist und welchen Stellenwert Kunst und Kultur in der Gesellschaft der Zukunft haben werden, gilt es auch zu untersuchen.
Die Zukunft wird sich im Spannungsfeld von Wandel und Beharrlichkeit entwickeln und sie ist politisch gestaltbar.
Der Schwerpunkt „Zukunfttrends“ der Grünen Bildungswerkstatt für das Jahr 2005 möchte dazu beitragen, Gestaltungsvorstellungen zu entwickeln, die, den sechs grünen Grundwerten entsprechend, die Zukunft - ökologisch, solidarisch, basisdemokratisch, gewaltfrei selbstbestimmt und feministisch- möglich und politisch machbar erscheinen lassen.
Daniela Graf, Obfrau
Beschlossen auf der Generalversammlung der GBW im Dezember 2004

Das Buch zur Sommerakademie 2005 "Zukunfts- trends". Erschienen im planet-verlag.
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