2006: "zukunftstrends 2"


Themen: Zukunft der EU, Chancengleichheit, Zukunft der Grünen, Technologien der Zukunft und Nachhaltigkeit

Als Bildungseinrichtung der Grünen suchen wir gemeinsam mit und für die Grünen und an Grünen Werten interessierten Menschen politische Gestaltungslösungen für eine gerechte, selbstbestimmte und ökologisch nachhaltige Zukunft.

Für 2006 nehmen wir uns folgende Untergliederungen des Schwerpunktes „Zukunftstrends“ vor:

1. Die Zukunft der Europäischen Union – Grüne Impulse zum EU-Vorsitz Österreichs

2. Nationale Herausforderung – Welche Politik sorgt für Chancengleichheit in einer globalisierten Ökonomie?

3. Die Zukunft der Grünen – wo stehen die österreichischen Grünen nach 20 Jahren im Parlament und wo möchten die Grünen in 20 Jahren sein?

4. Technologien der Zukunft und Nachhaltigkeit – intelligente Lösungen für globale Umweltprobleme

Im Jahr 2005 hat sich die Grüne Bildungswerkstatt bereits eingehend mit dem Thema „Zukunftstrends“ beschäftigt:
Wir haben TrendforscherInnen, aber auch einige kritische AnalytikerInnen dieser Trends bei uns zu Gast gehabt:

Eingangs hat Lucian Hölscher bei einem Vortrag im IWM festgestellt, das der Begriff „Zukunft“ etwas durchaus Relatives und historisch Wandelbares ist. Der mittelalterliche Mensch hatte kaum einen Begriff von Zukunft im heutigen Sinne, er stellte sich die Geschichte als ewige Wiederkehr des Altbekannten vor und wartete außerdem auf das für ihn unmittelbar bevorstehende jüngste Gericht. Im 19. Jh. hingegen sahen die Menschen die Zukunft als etwas in tausenden von Jahren Stattfindendes. Heute rückt die Zukunft immer näher, weil die Entwicklungen immer rasanter vor sich gehen und immer schwerer prognostizierbar sind.. So haben wir es durchaus schon als kühn angesehen eine Prognose für 2025 zu wagen.

Jeanette Huber hat auf der Sommerakademie die These aufgestellt, dass die Zukunft weiblich ist: Frauen sind eindeutig die Bildungssiegerinnen und es ist zu hoffen, dass sich das mittelfristig auch am Arbeitsmarkt bemerkbar macht. Sie hat über die „silberne Revolution“ gesprochen: Menschen über 50 werden nicht nur in Zukunft einen stetig wachsenden Bevölkerungsanteil stellen, sie sind auch geistig und körperlich fitter. Außerdem wollen oder müssen sie länger arbeiten und der Wert der Erfahrung wird auch zunehmend als wichtig erkannt. Lebensentwürfe werden immer vielfältiger und individualistischer und Menschen werden in Zukunft ihre private und berufliche Perspektive auch viel öfter im Leben verändern, als heute. Ferner wird die Zukunft urban sein wird, städtische Ballungsräume bieten vielfach weit mehr an Lebensqualität und Entfaltungsmöglichkeiten für diese individuellen Lebensentwürfe.

Harald Katzmair hat auf der Sommerakademie festgestellt, dass individuelle Lebensentwürfe und eine digitalisierte Lebenswelt soziale Kommunikation zwar erschweren, die Fähigkeit zu dieser aber ein besonders wichtiger Erfolgsfaktor sein wird, wenn sie sich auch zunehmend anders gestalten wird. Die Menschen werden sich nicht in festen sozialen Gruppen bewegen sondern in Netzwerken. „Know who“ wird zunehmend wichtiger als „Know how“.

Im Workshop „Zukunftstrends – Generation x“ Anfang des Jahres wurde diagnostiziert, dass die heutige Jugend besser ist, als ihr Ruf: Sie ist durchaus weniger materialistisch, als angenommen, kann sich durchaus für gesellschaftliche Anliegen engagieren, wenn sie auch realistischer und dem eigenen Handlungspotential gegenüber skeptischer ist, als die Jugend seit den 68ern.

Gemeinsam mit den Grünen haben wir in folgenden Themenbereichen Programmarbeit geleistet: Technologiepolitik, Energie, Regionen, Waldwirtschaft, Migration, Frauen, Wirtschaft und Finanzen.

Zusätzlich haben wir in der GBW in Gesprächsrunden mit in- und externen ExpertInnen Fragen zu Wirtschaft, Kultur, Arbeitsmarkt, Bildung, Versorgungsarbeit und Frauen diskutiert.

In vielen Detailfragen haben wir im Jahr 2005 mögliche Antworten erarbeitet, viele Fragen sind angedacht, viele Fragen sind noch völlig offen:

Grundthese
Alle diese gesellschaftspolitischen Trends treten jedoch in Wechselwirkung mit zwei weiteren wichtigen Trends, der Ökonomisierung und der Entsolidarisierung, die sich untereinander auch wieder gegenseitig verstärken.

Ökonomisierung
Zunehmend mehr Lebensbereiche werden ökonomisiert. Da geht es nicht nur um schlichte Privatisierung, sondern darum, dass immer mehr Lebensbereiche aus dem Privaten in die Gesellschaft und von dort in die Wirtschaft verlagert werden: von der Kinderbetreuung, über die Bildung, die Gesundheitsvorsorge, die Krankenpflege, die Freizeitgestaltung, den soziale Kontakt inklusive PartnerInnensuche, die Versorgung mit Infrastruktur wie Strom, Telefon, Müllabfuhr und Abwasserentsorgung, Zugang zu Mobilität, die Pensionen, die Altenpflege bis zu ersten privaten Bestattungsinstituten, alles tritt den Schritt aus der privaten Verantwortung in die gesellschaftlich zu lösende Aufgabe und von dort in die wirtschaftliche Verwertung und damit wieder in die private Verantwortung an.

Entsolidarisierung
Gleichzeitig zieht sich der Staat zunehmend aus seiner Verantwortung zurück und muss sich zum Teil auch notgedrungen zurückziehen. Die Wirtschaft agiert international und der Staat kann nur national agieren. Viele Kompetenzen sind auf eine supranationale Ebene delegiert, die zu versagen droht. Trotzdem wäre der Staat weit weniger auf die ausschließliche Nachtwächterfunktion reduziert, als die Schwarz-Orange Regierung in Österreich uns glauben machen will.

Die Frage nach der Rolle des Staates, seinen Aufgaben und wie er sie erfüllen soll, bleibt nach wie vor zentral.

Ungleiche Verteilung, zunehmende soziale und regionale Differenzen:
Wenn man sich die möglichen Wechselwirkungen zwischen zunehmender Individualisierung der Lebensentwürfe, zunehmender Ökonomisierung und zunehmendem Rückzug des Staates aus der sozialen Verantwortung ansieht, wird deutlich, dass diese Entwicklungen zu einer sehr ungleichen Verteilung der Lebenschancen von Menschen führen, wenn nicht gegengesteuert wird.

So sich die prognostizierten Trends bewahrheiten, wird es

  • GewinnerInnen geben, die – wie noch nie vorher historisch möglich – ein erfülltes Leben führen können, auf Grund ihrer guten Ausbildung, ihrer sozialen Kompetenzen, in freier und individueller Lebensgestaltung, mit der Chance vormalige Grundsatzentscheidungen bis ins hohe Alter neu fällen zu können
  • VerliererInnen geben, die von Anfang an schlechten Karten haben, nie im Leben eine richtige Chance bekommen und die am Rand der Gesellschaft ein Schattendasein fristen
  • Dazwischen wird es viele Zwischenstufen geben. Die Schere wird jedoch immer weiter aufgehen

Es geht also ganz wesentlich um die Frage, wie die Politik diesem Trend gegensteuern und für Gerechtigkeit bei der Verteilung von Lebenschancen sorgen kann, ohne die entstehenden Freiräume der Menschen zu beeinträchtigen. Es gilt Antworten auf die zunehmenden sozialen Ängste der Menschen zu finden, die begründete Sorgen um ihren Arbeitsplatz, ihre Gesundheitsversorgung und ihre Pensionen haben.

Aber es geht nicht nur um soziale sondern auch um regionale Differenzen:

Neu zu definieren ist auch das alte Bild des Gegensatzes zwischen „1. und 3. Welt“: Zurzeit steigern klassische 3. Weltländer, wie Indien und China, oder auch einige Lateinamerikanische Länder ihre wirtschaftliche Leistung rasant. Die Wirtschaft in der 1. Welt stagniert hingegen, wenn auch auf sehr hohem Niveau (mit Ausnahme von Amerikas Kriegswirtschaft die allerdings auf hohe Staatsschulden gebaut ist). Die Entwicklungszusammenarbeit muss neu definiert werden. Einige bisherige 3. Weltländer werden die Europäische Wirtschaft mittelfristig einholen und uns im wahrsten Sinne des Wortes „alt aussehen“ lassen. Andere, wie fast alle Afrikanischen Länder, vor allem die, die neben anderen Problemen, massiv mit Aids zu kämpfen haben, sind zurzeit von jeglicher Chance auf wirtschaftliche Besserung ausgeschlossen.

Drei Ereignisse des Jahres 2005 haben unsere Beschäftigung mit den Zukunftstrends massiv beeinflusst und gezeigt, wie fragil Utopien sind:

Das Attentat in London:
Demokratische Gesellschaften sind gegenüber dem Wahnsinn terroristischer Täter nicht schützbar. Mehr Sicherheit erfordert notgedrungen mehr Überwachung und damit ist die Möglichkeit des Missbrauchs persönlicher Daten gegeben. Die aus Terrorangst resultierenden Überwachungsmaßnahmen kosteten Unschuldigen das Leben.

Die Nichtannahme der EU-Verfassung:
Die Nichtannahme der EU-Verfassung durch die Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden hat die europäische Union in eine tiefe Krise gestürzt, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Die österreichischen Grünen und auch die VertreterInnen der Grünen Bildungswerkstatt in den Grünen Gremien haben sich für eine Annahme der EU-Verfassung ausgesprochen. Wir wissen, dass dieses Dokument kein Idealentwurf ist, wissen jedoch ebenfalls, dass dieser Entwurf das historisch Machbare war und sind davon überzeugt, dass sich darauf eine echte Staatlichkeit der EU hätte aufbauen lassen und – bei aller Kritik an der herrschenden EU-Politik - wäre das die einzige Chance gewesen staatlichem Handeln auf der supranationalen Ebene die Möglichkeit zu geben, nationalstaatliche reale Unfähigkeiten auszugleichen. Wohin die europäische Union sich weiter entwickeln wird, ist zurzeit völlig ungewiss.
Die Zukunft Europas ist eng verknüpft mit einer positiven Entwicklung der EU. Für die politische Gestaltbarkeit der europäischen Zukunft sind eine tragfähige gemeinsame soziale Sicherung und eine Demokratisierung der europäischen Institutionen und Entscheidungsmechanismen dringend notwendig.

Der Hurrikan „Katrina“:
Er ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass der Raubbau an unserem Planeten katastrophale Auswirkungen hat. Noch nie gab es unter der wissenschaftlichen Community so viel Einigkeit, dass die Häufigkeit der Hurrikans und ihre unglaubliche Stärke auf die Erwärmung der Meere und damit auf die Erderwärmung auf Grund des CO2 -Ausstoßes zurückzuführen ist. Ob Amerika umdenken kann, wird sich nach Ende der Schockphase herausstellen.

Auch in Österreich steigt die Zahl der klimabedingten Umweltkatastrophen, wie die Überschwemmungen des Sommers 2005 zeigen.

Obwohl die Probleme, wie man an den drei genannten Ereignissen sieht, schwierig und komplex sind, ist es uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass „Zukunft“ kein unabwendbares Naturereignis ist, sondern von Menschen gestaltbar ist.

Beschlossen auf der GBW-Generalversammlung am 10. Dezember 2005

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